Autor: Schmitz, Manfred, Wiesbaden

Dieses Gehupe. Diese Schwüle, von wegen Klimaanlage. Meine Beine kleben an einem ekligen roten Kunststoffbezug des Sitzes. Neben mir ein ekliger, fetter Typ. Draussen ziemlich viel staubiges Rot, angestaubte Palmen huschen vorbei, bisher nur armselige Behausungen aus Holz, oder Beton, Kinder rennen einem Ball hinterher.
Das Spiegelbild im Fenster, cool und schön , wie alle Spiegelbilder. Die Haare hinten zum Pferdeschwanz zusammengebunden, wie immer auf Reisen, und dann diese obercoole Sonnenbrille, die ich kurz vor der Abreise erstanden habe.
Das durchsichtig schmeichelhafte Spiegelbild kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich mich nach der langen Reise kaputt fühle, erschlagen, nass und klebrig - aber irgendwie nicht richtig müde. Der Punkt der normalen Müdigkeit habe ich längst hinter mir. Bin in der Phase der abgespannten Wachheit angekommen.
Onkel Fred konnte ich vom Flughafen nicht erreichen. Mein Handy funktioniert ebenfalls nicht. Aber deswegen mache ich mir keine Sorgen. Hier funktioniert kein Handy. Völlig normal.

Er könne mich leider nicht abholen, aber es sei ganz einfach.
In den Bus Nummer 28 einsteigen, direkt am Arrival Terminal, nach 7 Stationen aussteigen. Churchstreet. Auf keinen Fall ein Taxi nehmen. Und bitte keine überdimensionierten Koffer. Ich bräuchte hier nicht viel. Sieben Stationen.
Der Bus hält jetzt das vierte Mal. Niemand steigt aus. Zwei Männer in fleckigen Hemden steigen zu. Der kleinere von beiden trägt eine schwarze Baseball-Kappe mit NewYorkCity-Logo. Bleiben neben dem Ausgang stehen.

Ich klemme die Tasche mit dem Laptop noch ein wenig fester unter den Arm und marschiere los. Ich erinnere mich an Onkel Freds Warnung: "Kein Taxi nehmen!" Er hatte sicher recht, man sollte auch hier niemandem trauen. Also lieber das letzte Stück zu Fuß gehen.

Geschafft! Ich habe Onkel Freds Haus ohne Zwischenfälle erreicht. Die Füße schmerzen, aber ich bin glücklich, dass ich einigermaßen heil hier angekommen bin.

Ich klingele an der rustikalen schon stark verwitterten Holztür. Wie schön, denke ich beiläufig, dass es so etwas anheimelndes in dieser von Technik und Kälte durchsetzten Welt heute noch gibt. Wieviel Wärme und Heimatgefühl konnte doch so eine alte Holzhütte ausstrahlen.

Die Tür öffnet sich und Onkel Fred begrüßt mich in seiner typisch herzlichen Art mit einem Wortschwall.

"Anne! Schön, dass du da bist, komm rein meine Liebe. Wie war die Reise? Hast du Hunger? Natürlich hast du Hunger! Möchtest du ein Bad nehmen? Nein, zuerst einen Brandy!"

"Halt, halt Onkel Fred!" muss ich ihn bremsen "also ein Bad wäre erst mal wunderbar und dann möchte ich gerne mein Zimmer beziehen und mich erst mal ausruhen und später werde ich dir dann alles genau erzählen"

Onkel Fred mustert mich mit zusammengekniffenen Augen von Kopf bis Fuß.

"Du siehst in der Tat nicht allzu frisch aus meine liebe Anne. Also gut, ich werde dir ein Bad einlassen und dann ruhst du dich erst mal eine Weile aus. Wir werden uns dann später unterhalten wenn du wieder etwas munterer bist."

Das Bad hat mir gut getan, ich fühle mich jetzt körperlich ein wenig besser aber an meiner Seelenlage kann auch das schönste Schaumbad nichts entscheidendes ändern.

Ich lasse mich in einen Sessel fallen und starre aus dem Fenster.

Der fahle Schein des Abendrotes liegt wie ein dichter roter Schleier auf den Hügeln am Horizont.

Ich schaue mit leerem Blick aus dem geöffneten Fenster der alten Holzhütte ohne dieses beindruckende Naturschauspiel bewusst wahrzunehmen. Zu weit waren meine Gedanken vom hier und jetzt entfernt, schweiften fast automatisch wieder in die Vergangenheit zurück zu jenem schicksalhaften Tag an dem ich Pete Carter zum erstenmal getroffen hatte.

Wie sehr wünschte ich mir heute, dass unsere Wege sich niemals auf der großen Landkarte des Lebens gekreuzt hätten. Aber es nützte ja alles nichts, die Vergangenheit war nun mal nicht mehr zu ändern.

Meine leeren Augen blicken weiter in Richtung der inzwischen ins Zartrosa verblassenden und zunehmend von dunklen Wolken überschattete Hügellandschaft.

Ja, dunkle Wolken waren es auch die über mein einst so fröhliches und sorgloses Leben hereingebrochen waren.

Es beginnt zu Regnen und der Wind treibt ein paar Tropfen durch das offene Fenster auf meine Wangen. Das kühle Nass, dass mein Gesicht zu benetzen beginnt erschreckt mich und reißt mich für einen Moment aus meinen grüblerischen Gedanken.

Ich schließe das Fenster mit einer raschen Bewegung und gehe ein paar Schritte durch den kleinen gemütlichen Raum und setze mich an den rustikalen Tisch. Onkel Fred hatte mir eine Flasche Brandy aufs Zimmer gebracht und im offenen Kamin ein Feuer entfacht. Es wurde um diese Jahreszeit abends doch schon recht kühl. Ich gieße mir ein Glas voll und nehme einen tiefen Schluck.

Und während ich in das prasselende Feuer des Kamins schaue wandern meine Gedanken wieder zurück zu jenem Tag an dem ich Pete Carter zum ersten Male getroffen hatte.

Die Begegnung

Es war erst ein paar Wochen her und doch kam es mir heute wie eine halbe Ewigkeit vor. Soviel war in diesen Tagen auf mich eingestürmt. Ereignisse die ich mir in meinem bisher so sorglosen Leben einfach nicht hatte vorstellen können.

An jenem sonnigen Spätsommernachmittag traf ich zufällig meine Freundin Susan in der Stadt und die schlug vor: "Hey Anne, laß uns doch noch ein Bierchen in Harrys Bar zischen und ein bisschen palavern!"

Ich hatte nichts besonderes vor und willigte sofort ein.

Ach, wäre ich doch besser gleich nach Hause gegangen und hätte mir wie jeden Nachmittag bei ein paar Dosen "Budweiser" und einer Tiefkühlpizza den Home-Shopping-Channel im TV angeschaut. Das war nämlich mein Lieblingsprogramm. Unglaublich was ich da alles schon supergünstig erstanden hatte: z.B. ein 50teiliges Messerset für nur 49,50 Dollar und einen Hometrainer der mühelos die Fettpolster verschwinden lässt für schlappe 199,90 Dollar.

Susan und ich setzten uns an den kleinen Tisch in der Ecke von Harrys Bar, bestellten Bier und palaverten über Gott und die Welt. Am Nebentisch saß ein junger Mann und las anscheinend tief versunken in einem PC-Magazin. Er war uns zunächst gar nicht aufgefallen, so sehr waren wir in unser Gespräch vertieft.

Ich kam gerade auf mein Lieblingsthema zu sprechen: Die supergünstigen Schnäppchen die ich in den letzten Wochen auf dem Home-Shopping-Channel erstanden hatte begeisterten mich dermaßen, dass ich ohne es selbst zu bemerken immer lauter sprach und so wohl die Aufmerksamkeit des Mannes am Nebentisch erregte.

Dieser legte jetzt sein PC-Magazin in das er eben anscheinend noch so vertieft war beiseite und wandte sich an mich:

"Entschuldigen Sie wenn ich mich in ihr Gespräch einmische..."

Ich unterbrach meine begeisterten Schilderungen und blickte zu dem Mann am Nebentisch. Es war ein schlanker lausbubenhaft wirkender Typ um die 30 mit einer ziemlich großen Nase. Seine langen blonden Haare waren hinten zu einem Zopf zusammengebunden.

"Ich habe ihr Gespräch über den ,Home-Shopping-Channel' zufällig mitbekommen" fuhr der junge Mann fort "und es würde mich doch mal interessieren, ob Sie eigentlich noch nicht online sind?"

Susan und ich sahen uns verdutzt an. Online? Was sollte die Frage?

"Ähhhm, wie meinen Sie das?" fragte ich mit verständnislosem Gesichtsausdruck.

"Na ja, ich meine natürlich das Internet. Ob Sie noch nicht im Internet surfen. Wenn Sie sich so sehr für günstige Angebote interessieren dann müssten Sie doch eigentlich auch einen Internet-Anschluß haben, oder?"

Ich musste laut lachen.

"Ach das meinen Sie. Internet! Hab' ich natürlich auch schon von gehört, aber das krieg ich nicht hin. Das ist mir zu kompliziert, mit Technik und Computern und so kenne ich mich doch überhaupt nicht aus."

"Na, da könnte ich Ihnen helfen, das ist für mich als Computer-Freak kein Problem" entgegnete der junge Mann "übrigens, mein Name ist Pete, Pete Carter. Also wie sieht's aus? Ich könnte Ihnen alles Notwendige günstig besorgen, Laptop, Modem usw. und spätestens am Wochenende könnten Sie im ,world-wide-web' surfen!"

"Hört sich verlockend an, Pete" meinte ich "übrigens, mein Name ist Anne, Anne Baxter. Und das hier ist meine Freundin Susan. Also Pete, raus mit der Sprache: was verlangen Sie als Gegenleistung für Ihren Service?"

"Für so eine nette junge Dame wie sie" lächelte er charmant "würde ich als Entschädigung einfach ein gemütliches Abendessen zu zweit vorschlagen!"

"OK, wie wäre es dann am Samstag bei mir zu Hause? Sie kommen gegen Mittag mit ihrem Computerkram und ich werde uns in der Zeit ein leckeres Abendessen zubereiten".

"Einverstanden" meinte Pete mit einem strahlenden Lächeln "schreiben Sie mir noch Ihre Adresse auf und ich werde pünktlich erscheinen!"

Ich kritzelte meine Adresse auf eine der Servietten. In diesem Moment schossen mir kurz Bedenken durch den Kopf. Ich kannte den Typen doch eigentlich gar nicht und jetzt hatte ich ihn für Samstag zu mir nach Hause eingeladen. Ob das nicht doch etwas unüberlegt war? Ich reagierte halt oft ziemlich spontan und bereute das oft hinterher. Aber ich wischte meine Zweifel schnell beiseite. Ich hatte mich doch noch immer auf meine gute Menschenkenntnis verlassen können und Pete machte ja nun wirklich einen äußerst sympathischen und anständigen Eindruck.

"Hier die Adresse" sagte ich während ich Pete die Serviette rüberreichte "also bis Samstag".

"Ich freue mich" meinte Pete während er aufstand. Er klemmte noch schnell sein Computer-Magazin unter den Arm und entschwand zur Tür.

Ich blickte meine Freundin Susan fragend an.

"Hab' ich einen Fehler gemacht, was meinst du?"

"Mhhh, schwer zu sagen" entgegnete Susan nachdem sie kurz nachgedacht hatte "auf der anderen Seite...so ein Internet-Anschluß soll ja schon einige Vorteile bringen, wie man so hört und der junge Mann macht ja auch einen ganz seriösen Eindruck"

Am folgenden Samstag gegen 15.00 Uhr klingelte es an meiner Haustür. Ich öffnete und tatsächlich stand Pete vor der Tür. Er trug einen großen Karton mit der Aufschrift "PC-Systems" unterm Arm.

"Ah, da ist ja unser großer Computer-Spezialist" begrüßte ich meinen Besucher "nur hereinspaziert in meine altmodische, unvernetzte Hütte"

"Das werden wir gleich ändern" lachte Pete "nur keine Sorge, die tristen Stunden ohne Internet-Anschluß sind gezählt!"

Pete packte einen Laptop aus dem mitgebrachten Karton und stellte ihn auf den Tisch.

"So, jetzt werden wir dem Baby erst mal das laufen beibringen" grinste er und begann offenbar voller Begeisterung mit seinen Installationsarbeiten.

"Na, dann viel Spaß" meinte ich mit süffisantem Unterton "ich werde mich derweil lieber um das Abendessen kümmern. Ich denke, dass ich mich in der Küche besser auskenne als mit Computern!"

"Na also!" schallte es schon kurze Zeit später aus dem Wohnzimmer "wir sind drin! Alles klar, Anne, hier hast du also deinen Highspeed-W-LAN-Sky-DSL-Internetanschluss."

Ich eilte sofort von der Küche ins Wohnzimmer.

"Waaaas? Schon fertig?" staunte ich "ist ja super, das hätte ich im Leben nicht hingekriegt!"

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht dass es weiß Gott besser gewesen wäre wenn ich Pete niemals getroffen hätte und ich mein unbeschwertes Dasein besser ohne Computer und Internet weitergelebt hätte.

"OK" lachte Pete und rieb sich die Hände "ich werde dir jetzt noch eine kleine Einweisung geben wie du dich ganz einfach ins Internet einwählst. Dann steht dir die große weite Welt mit den tollsten und günstigsten Angeboten offen!"

Die Bedienung des Laptop hatte ich wirklich schnell kapiert und so konnten wir allmählich zum gemütlichen Teil übergehen.

Die stimmungsvollen und entspannten Stunden an jenem Abend mit Pete sollten für lange Zeit die letzten angenehmen Momente gewesen sein.


Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

Am nächsten Tag war es dann soweit.

Zum ersten Mal wählte ich mich ins Internet ein und empfand dabei schon ein gewisses Gefühl des Stolzes.

Wow, wollen doch mal sehen!

Pete hatte mir ein paar interessante Internetadressen verraten, z.B.:

www.billiger-als-geschenkt.com oder www.alles-fuer-lau.com

Seltsam nur, egal was ich anklickte oder für welches Schnäppchen ich mich interessierte, immer und überall öffneten sich neue Browser-Fenster und es erschien immerzu der gleiche Hinweis

"Jetzt bei I-BUY für nur 1 Dollar kaufen!"

Egal, das roch jedenfalls in der Tat nach SUUUUPER-Schnäppchen!

Neugierig geworden klickte ich die I-BUY-Seite an.

"Herzlich willkommen bei Ihrem virtuellen Internet-Auktionshaus I-BUY"
wurde ich mit großen Buchstaben begrüßt.

Wie aufregend! Wollen doch mal sehen was da so alles angeboten wird!

Mein Gott, das war ja das reinste Schnäppchenjägerparadies. Da musste ich mich sofort als Kunde anmelden!

Schnell einen Benutzernamen und ein Passwort besorgt und ab ging die Schnäppchenjagd.

In den nächsten Tagen ersteigerte ich alles was gut und vor allem billig war. Eine e-mail nach der anderen traf bei mir ein:
"Gratulation! Sie waren die Höchstbietende!".
Ich ballte die Faust. Ha! Schon wieder eine Auktion gewonnen, wieder ein Super-Schnäppchen gemacht.

Ein Erfolgserlebnis jagte das andere. Jedenfalls so lange bis nach einigen Tagen die erste "Gratulations-e-mail" eintraf die mich doch etwas stutzig machte:

"Gratulation! Sie waren die Höchstbietende! Sie haben eine Segelyacht "Sea-Eagle S 2000" für 248.000 Dollar ersteigert."

Wie bitte? Segelyacht? 248.000 Dollar? Das konnte nur ein Irrtum sein, denn außer auf gebrauchte Küchen- und Fitnessgeräte oder vielleicht ein paar alte Heavy-Metal-CDs hatte ich doch überhaupt nicht geboten.

Na, denen vom Auktionshaus I-BUY werde ich Bescheid stoßen!

Sofort schrieb ich eine geharnischte e-mail an das Aktionshaus und stellte die Sachlage klar.

Postwendend erhielt ich die Antwort:

"Sehr geehrter I-BAY-Kunde!
Sie haben sich eindeutig durch Benutzername und Kennwort für die betreffende Auktion identifiziert und sind somit gemäß unserer Geschäftsbedingungen zu der Abnahme des von Ihnen ersteigerten Artikels verpflichtet.
Wir behalten uns bei Zahlungsunwilligkeit entsprechende Maßnahmen vor!"

So ein Blödsinn. Aber das wird sich schon aufklären, das kann ja nur ein Irrtum sein. Ich beschloss also die ganze Sache erst mal auf sich beruhen zu lassen.


Als ich am nächsten Morgen das Haus verließ bemerkte ich sofort dieses kleine Männchen mit dem schwarzen Hut. Er stand ein paar Meter von meinem Haus entfernt auf der Straße und starrte zu mir herüber.

Komischer Kauz dachte ich so für mich.

Als ich aber den Weg zur Bushaltestelle einschlug und das kleine Männchen mir sofort dorthin folgte wurde es mir doch etwas mulmig.

Ich hatte die Bushaltestelle erreicht, da stellte sich der seltsame Typ ganz nah neben mich und murmelte:

"Sie sollten besser zahlen, sonst wird das nicht gut für Sie ausgehen!"

Ich glaubte mich verhört zu haben und beugte mich etwas tiefer zu dem Männchen herunter.

"Was haben Sie da gesagt?" fragte ich erschrocken.

"Sie sollten zahlen" quetschte er hervor und blickte dabei mit gehetztem Blick nach links und rechts "es tut mir so leid, aber ich wurde gezwungen ihnen das mitzuteilen"

"Wieso gezwungen? Ich verstehe nicht.." entgegnete ich aufgeregt.

Das Männchen senkte die Stimme und erklärte mit einem traurigen Ton in der Stimme "ich dürfte ihnen eigentlich keine Auskunft geben, aber sie tun mir so leid, so eine nette junge Frau. Ich werde gezwungen, habe bei I-BUY mitgeboten, konnte die Segelyacht nicht bezahlen, ich..."

"Segelyacht?" unterbrach ich ihn entsetzt "bei I-BUY ersteigert?"

Das kam mir doch irgendwie bekannt vor.

"Genau" fuhr er schluchzend fort "weil ich nicht zahlen konnte muss ich jetzt für die als Geldeintreiber arbeiten. Sie wissen ja gar nicht auf was Sie sich da eingelassen haben. Das ist eine weltweit operierende Internet-Mafia. Die gehen über Leichen wenn ein Kunde nicht zahlen will"

Er schaute sich wieder vorsichtig um und fuhr mit beschwörender Stimme fort:

"Ich flehe sie an! Verschwinden Sie sofort aus der Stadt, irgendwohin aufs Land wo man sie nicht findet. Schnell, bevor es zu spät ist! Und um Gottes willen nicht die Polizei einschalten, das kriegen die sofort raus - und dann."

Das kleine Männchen mit dem Hut drehte sich plötzlich um und entschwand schnellen Schrittes um die nächste Ecke.

Ich hätte noch so viele Fragen an ihn gehabt, aber eins war mir sonnenklar: Ich sollte seinem Rat unbedingt folgen.

Ich lief zum Haus zurück und öffnete mit zitternden Fingern die Tür.

Wo sollte ich hin? Wo würden sie mich nicht so schnell finden?

Natürlich! Onkel Fred! Der lebte weit abseits auf dem Land in einer alten Holzhütte, da würden sie mich nicht finden.

Ich griff zum Telefon.

"Onkel Fred? Hier ist Anne!" presste ich in die Muschel " ich kann dir jetzt nicht viel am Telefon erklären, aber es ist sehr wichtig, ich muss dich unbedingt sofort besuchen! Ich werde verfolgt! Aber ich erkläre dir das alles besser nach meiner Ankunft"

"Was, du wirst verfolgt? Du lieber Himmel, von wem denn?" antwortete Onkel Fred mit besorgter Stimme "aber natürlich kannst du kommen, du weißt mein Haus steht dir immer offen. Du musst auch nicht groß packen, keine überdimensionierten Koffer. Du brauchst hier nicht viel. Und ein Taxi solltest du zur Sicherheit besser nicht benutzen. Leider kann ich dich wegen meinem Hüftleiden nicht abholen, aber es ist ja auch zu Fuß nicht allzu weit von der Bus-Haltestelle bis zur Churchstreet"

"OK, bis dann Onkel Fred!"

Mit Kofferpacken sollte ich mich jetzt wirklich nicht mehr aufhalten. Wer weiß wer mir noch alles auf den Fersen war. Das kleine Männchen mit dem schwarzen Hut war sicher nur ein eher harmloser Vorbote.

Wenn die merken, dass das kleine Männchen mit dem Hut nicht erfolgreich war setzen sie sicher härtere Mittel ein!

Schnell noch das nötigste mitnehmen. Mein Handy darf ich auf keinen Fall vergessen. Dann noch das Laptop unter den Arm geklemmt.
Ich konnte es später nur mit meiner Stresssituation erklären, dass ich in diesem Moment ausgerechnet das Laptop als wichtigen, mitnehmenswerten Gegenstand ansah.

Das sollte sich als ein grauenhafter Fehler herausstellen.

Das Grauen

Anne wird durch ein Klopfen an der Tür aus ihren grüblerischen Gedanken gerissen.

"Geht's dir gut Anne? Darf ich reinkommen" ruft Onkel Fred von draußen.

"Alles klar, komm nur rein Onkel Fred" antworte ich mit etwas träger Stimme.

Onkel Fred schaut mich mit einem neugierigen und gespannten Gesichtsausdruck an.

"Jetzt erzähl mal Anne, wie ist es dir seit unserem Telefonat so ergangen? Du hast so komische Andeutungen gemacht. Bist du denn auf dem Weg hierher von irgendjemandem verfolgt oder belästigt worden?"

"Ich bin mir nicht sicher" antwortete ich "die Typen im Bus...aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, nach den Geschehnissen der letzen Tage leide ich vielleicht unter Verfolgungswahn"

"Welche Typen?" will Onkel Fred wissen "haben die dich irgendwie bedroht oder dumm angemacht?"

"Nein, nein eigentlich haben die gar nichts gemacht, die waren einfach nur da und machten einen unangenehmen Eindruck. Tut mir leid, ich bin halt mit den Nerven ziemlich fertig."

Onkel Fred streicht mir beruhigend über die Wange.

"OK, OK. Hauptsache du bist gesund hier angekommen! Und jetzt erzähl mal was genau passiert ist, am Telefon wolltest du ja nicht so recht damit rausrücken"

Ich erzähle Onkel Fred also ausführlich die ganze Geschichte von Pete, dem Laptop, den Internetauktionen und der seltsamen Begegnung mit dem kleinen Männchen.

Onkel Fred schweigt eine Zeitlang mit ernstem Gesicht und meint nach einer Weile mit eindringlicher Stimme:

"Anne, du musst mit Pete Kontakt aufnehmen! Ruf ihn an. Sofort! Wie ich das sehe ist er als Internet-Spezialist und Computer-Freak der einzige Mensch der dir jetzt aus diesem Dilemma raushelfen kann"

"Aber Onkel Fred, ich will Pete da auf keinen Fall mit reinziehen" wehre ich ab "das ist so ein netter Kerl, das hat er nicht verdient!"

"Nichts da" entgegnet Onkel Fred mit einer wegwerfenden Handbewegung "schließlich hast du deinem Pete ja diesen unsäglichen Internet-Anschluß zu verdanken. Also ist er auch nicht ganz unschuldig an der ganzen Misere"

"Vielleicht hast du recht" entgegne ich und greife seufzend zum Handy.

Ich rufe Pete also an und erzähle ihm die ganze dumme Geschichte.

"Mein Gott, Anne!" stammelt Pete, nachdem ich ihm alles erzählt hatte.

Er ist offensichtlich von diesen üblen Ereignissen ziemlich geschockt und verspricht:

"Natürlich Anne, ich komme sofort. Wir müssen jetzt ganz genau überlegen was zu tun ist. Gib mir die Adresse, ich mache mich gleich auf die Socken. Denke, dass ich morgen früh da sein werde. Sei vorsichtig, nicht das Haus verlassen, warte bis ich da bin."

Ich verbringe eine schlaflose Nacht und laufe meist unruhig im Zimmer umher. Ein paar Mal gehe ich vorsichtig zum Fenster und schaue ängstlich hinaus. Dann wieder laufe ich einige Male im Kreis und setze mich anschließend wieder an den Tisch.

Da fällt mein Blick auf das Laptop. Warum hatte ich die blöde Kiste eigentlich mitgeschleppt? Ein seltsames Gefühl überkommt mich. Vielleicht sollte ich das Gerät mal einschalten? Aber wenn wieder solche e-mails von I-BUY eingegangen sind? Wollte ich die überhaupt sehen?

Ich gebe mir einen Ruck und schalte das Laptop mit zitternden Fingern ein.

PLING!!!

"Sie haben 6 neue Nachrichten erhalten" meldet sich mein e-mail-Programm.

Die W-LAN-Verbindung über Sky-DSL funktionierte also selbst hier draußen auf dem Land in Onkel Freds Hütte einwandfrei!
"Gute Arbeit, Pete" murmele ich mit einem bitteren Tonfall vor mich hin.

Meine Befürchtungen hatten sich bewahrheitet, die e-mails sind natürlich alle von I-BUY und der Inhalt ist alles andere als beruhigend.

Die Bedrohungen steigern sich von e-mail zu e-mail und nehmen immer brutalere Formen an.

Vor allem wird dringend geraten keine Polizei einzuschalten, sonst....

Im letzten e-mail wird dann ganz unverblümt der Besuch einiger liebenswürdiger Herren aus Moskau angekündigt, da ich auf die charmanten Hinweise eines gewissen kleinen Mannes mit schwarzem Hut offenbar nicht reagiert hatte.

Oh Gott, das arme kleine Männchen! Das hatten die also auch schon rausgekriegt, hoffentlich war ihm deswegen nicht schon was schlimmes passiert!

Nur gut, dass ich in Onkel Freds Hütte in Sicherheit war. Hier werden sie mich nicht finden!

Onkel Fred klopft an die Tür.

"Anne, bist du wach?" ruft er laut "ich habe uns ein Frühstück gemacht, ich denke du solltest jetzt unbedingt eine Kleinigkeit zu dir nehmen!"

"Danke, Onkel Fred" antworte ich "aber ich kriege keinen Bissen runter. Ich warte jetzt bis Pete eintrifft, ich hoffe so sehr, dass er eine Idee hat wie ich aus diesem Dilemma wieder raus komme.

Pete trifft am späten Morgen endlich ein.

Onkel Fred führt ihn in mein Zimmer und dort angekommen lässt er sich erst einmal erschöpft in den Sessel sinken.

"Mein Gott, Anne" seufzt Pete "in was bist du denn da reingeraten. Es tut mir so leid, aber das konnte ich doch auch nicht ahnen. Von solchen Problemen habe ich bisher noch nie was gehört und ich lese doch schon sämtliche PC-Magazine die es so gibt. Gut, ein paar Betrügereien bei Internet-Auktionen, ein paar gehackte Passwörter - das ist ganz normal, aber in dieser Form...."

Plötzlich wird Pete durch das grässliche Geräusch einer splitternden Fensterscheibe mitten im Satz unterbrochen.

Ein harter Gegenstand landet polternd direkt neben mir auf dem Fußboden.

Pete erkennt die Situation sofort.

Er springt aus dem Sessel und stößt mich beiseite.

Hart pralle ich mit dem rechten Arm gegen die Tischkante, taumele anschließend bis in die hintere Ecke des Zimmers und bleibe dort leicht benommen am Boden liegen.

"Verdammt, eine Handgranate" schreit Pete und versucht das Ding geistesgegenwärtig zu schnappen um die Granate wieder aus dem Fenster zu befördern.

Doch es ist zu spät. Die Handgranate explodiert mit einem schrecklichen Knall in Petes Hand und reißt ihm den Brustkorb auf.

Pete stürzt blutend und mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck zu Boden.

Ich liege in der Ecke und kann mich nicht bewegen. Wie gelähmt sehe ich, wie Pete noch kraftlos die linke Hand hebt und Richtung Tisch deutet.

"Anne, das Laptop" röchelt er mit ersterbender Stimme "die haben uns ...geortet...W-LAN...warum hast du...?"

Dann sackt sein Kopf zur Seite und er starrt mit gebrochenem und scheinbar immer noch verständnislosem Blick in Richtung des Laptop.

"Pete, nein!!!" schreie ich verzweifelt.

Geortet!
Diese Verbrecher haben uns wegen diesem verdammten Laptop mit W-LAN-Verbindung aufgespürt?
Ich Idiot, warum hatte ich denn nur dieses blöde Kiste mit hierher geschleppt?

Onkel Fred stürzt ins Zimmer und schlägt entsetzt die Hände vors Gesicht.

"Oh Gott, oh Gott was ist denn hier passiert?" ruft er geschockt und läuft die paar Schritte zu Pete hinüber. Er beugt sich kurz über ihn und schüttelt dann nur stumm den Kopf.

Dann nimmt Onkel Fred mich in den Arm, streichelt mir mit der Hand über den Rücken und meint mit bebender Stimme und um Fassung ringend:

"Ich werde jetzt die Polizei und einen Krankenwagen rufen. Komm Anne, wir gehen besser ins Nebenzimmer. Für Pete können wir jetzt nichts mehr tun."

Die Polizei und ein Krankenwagen treffen kurze Zeit später ein.

Ein Notarzt untersucht mich gründlich, aber außer der Verletzung am rechten Arm, die ich mir an der Tischkante zugezogen hatte als Pete mich wegschupste und mir damit das Leben gerettet hatte, war ich wie durch ein Wunder völlig unversehrt.

Der Notarzt bandagiert meinen verletzten rechten Arm und verabreicht mir einen Beruhigungsspritze.

"Soll ich Sie nicht besser ins Krankenhaus bringen?" fragt er mich mit besorgtem Blick.

"Nein, nein. Doch nicht wegen so einer kleinen Verletzung am Arm" lehne ich dankend ab.

Wie ungerecht konnte doch das Leben sein! Pete war tot und ich, die letztlich für seinen Tod verantwortlich ist, komme mit einer Schramme am Arm davon!

Ein großgewachsener Polizist in Zivil tritt auf mich zu. Er macht auf Anhieb einen sympathischen Eindruck und ich schaue ihn erwartungsvoll an.

"Entschuldigen sie" spricht er mich an "mein Name ist Miller, ich bin von der Mordkommission. Sind sie schon in der Verfassung mir einige Fragen zu beantworten?"

Wir gehen ins Haus und ich erzähle Mr. Miller die ganze grauenhafte Geschichte, während mir Onkel Fred tröstend die Hand hält.

"Wir werden die Ermittlungen sofort aufnehmen" verabschiedet er sich lange Zeit später mit ernster Miene "wir werden sie natürlich ab sofort unter Polizeischutz stellen. Außerdem werde ich mich um eine neue Identität für sie kümmern. Sie sollten dann besser weit weg fliegen und in einer Stadt in der sie niemand kennt ein neues Leben anfangen. Zumindest so lange bis die Ermittlungen vollständig abgeschlossen sind und die Schuldigen für immer hinter Gittern sitzen. So lange das nicht der Fall ist kann nämlich kein Mensch auf der Welt für ihre Sicherheit garantieren."

Ich bin glücklich, dass sich Mr. Miller so engagiert um mein weiteres Schicksal kümmert. Ein kleiner Lichtblick nach all den grauenhaften Erlebnissen. Ein Gefühl großer Dankbarkeit durchströmt mich und ich fühle mich jetzt schon ein wenig besser.

Mr. Miller hält tatsächlich Wort: Schon am übernächsten Tag bin ich mit einem neuen Ausweis auf den Namen "Martha Brown" ausgestattet und habe mein Flugticket in der Tasche.

Wenige Tage später, nachdem der Gerichtsmediziner Petes Leiche freigegeben hatte findet dann die Beerdigung auf dem kleinen Dorffriedhof statt.

Als ich mit Onkel Fred dort eintreffe war ich überrascht über die so zahlreich erschienenen Trauergäste. Pete selbst hatte in dieser Gegend ja wohl kaum einen Menschen gekannt und aus Sicherheitsgründen wusste sonst niemand etwas von der Beerdigung. Das mussten also alles Freunde und Bekannte von Onkel Fred sein.

Da bemerke ich unter den Trauergästen plötzlich ein kleines Männchen mit einem schwarzen Hut. Das war doch...? Nein, das kann ja gar nicht sein. Das ist wohl auch nur irgendein Bekannter von Onkel Fred, aber die Ähnlichkeit ist schon frappierend. Meine strapazierten Nerven spielen mir offenbar einen Streich. Ist ja auch kein Wunder nach den Ereignissen der letzten Wochen.

Dieses Männchen mit dem schwarzen Hut, den er immer wieder festhalten muß. Wie lächerlich. Verstehen kann man ihn schon gar nicht, dafür weht der Wind aus der falschen Richtung und zu böig. Verwundert blicke ich mich um. Hatte Fred wirklich so viele Freunde und Bekannte. Achtlos stehen sie auf angrenzenden Gräbern, die wenigen Pflanzen zertrampelnd. Zwei Polizisten in Uniform und Spiegelbrille verharren in einiger Entfernung, regungslos. Das Männchen mit dem Hut kommt auf mich zu, gibt mir die Hand, murmelt etwas mit gesenktem Blick. Ich muss ihm die linke entgegenstrecken. Die Schmerzen im bandagierten rechten Arm sind auch nach beinahe einer Woche sehr gegenwärtig.
Ein Klagelied erhebt sich über dem Friedhof vom böigen Wind zerfleddert, schön und traurig. Tränen steigen mir in die Augen. Warum Warum Warum. Stark bleiben, nur jetzt keinen Schwächeanfall. Die Leute schauen zu mir rüber.
Zwischen Sträuchern etwas abseits des frisch ausgehobenen Grabes sehe ich ihn. Offensichtlich beobachtet er mich schon länger. Ein Gefühl grosser Dankbarkeit durchströmt mich mit Wärme. Ich hebe leicht die linke Hand zu einem angedeuteten Gruss, den er auch prompt erwidert. Ein Lächeln umspielt seine Lippen.
Diesmal nehme ich das Taxi zum Airport. Es darf jetzt nichts mehr schief gehen. Ich muss weg! Sehr schnell weg! Erst im Flieger werde ich mich wieder sicher fühlern.