Autor: Rietsch Albrecht, Wien

Dieses Gehupe. Diese Schwüle, von wegen Klimaanlage. Meine Beine kleben an einem ekligen roten Kunststoffbezug des Sitzes. Neben Schwerfällig und angestrengt nimmt der Bus wieder Fahrt auf. Eine schwarze Wolke verdüstert das fauchende Heck. Dieses Gehupe. Diese Schwüle, von wegen Klimaanlage. Meine Beine kleben an einem ekligen roten Kunststoffbezug des Sitzes. Neben mir ein ekliger, fetter Typ. Draußen ziemlich viel staubiges Rot, angestaubte Palmen huschen vorbei, bisher nur armselige Behausungen aus Holz, oder Beton, Kinder rennen einem Ball hinterher.
Das Spiegelbild im Fenster, cool und schön , wie alle Spiegelbilder. Die Haare hinten zum Pferdeschwanz zusammengebunden, wie immer auf Reisen, und dann diese obercoole Sonnenbrille, die ich kurz vor der Abreise erstanden habe.
Das durchsichtig schmeichelhafte Spiegelbild kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich mich nach der langen Reise kaputt fühle, erschlagen, nass und klebrig - aber irgendwie nicht richtig müde. Den Punkt der normalen Müdigkeit habe ich längst hinter mir. Bin in der Phase der abgespannten Wachheit angekommen.
Onkel Fred konnte ich vom Flughafen nicht erreichen. Mein Handy funktioniert ebenfalls nicht. Aber deswegen mache ich mir keine Sorgen. Hier funktioniert kein Handy. Völlig normal.
Er könne mich leider nicht abholen, aber es sei ganz einfach.
In den Bus Nummer 28 einsteigen, direkt am Arrival Terminal, nach 7 Stationen aussteigen. Churchstreet. Auf keinen Fall ein Taxi nehmen. Und bitte keine überdimensionierten Koffer. Ich bräuchte hier nicht viel. Sieben Stationen.
Der Bus hält jetzt das vierte Mal. Niemand steigt aus. Zwei Männer in fleckigen Hemden steigen zu. Der kleinere von beiden trägt eine schwarze Baseball-Kappe mit NewYorkCity-Logo. Bleiben neben dem Ausgang stehen.

Was hatte Onkel Fred nur in dieser miesen Gegend zu suchen? Gut - es muss ja nicht ein 120-m2-Apartement in Manhattan sein, mit Blick auf den unvergleichlichen Hudson - aber dieser namenlose Vorort, gleich in der Nähe des Airports, ist nicht das, was ich mir in meinen schlimmsten Träumen vorgestellt habe. War ich deshalb von Good Old Europe rüber gekommen, um dann in einem Vorort von Miami zu versauern? Sollte ich meinen europäischen Rossschwanz bei diesen Gringos spazieren tragen?
Der Bus - offenbar ein Modell aus dem vorigen Jahrhundert - hält so abrupt an, dass ich unsanft aus meinen Gedanken gerissen werde, keinen Augenblick zu früh, denn ich bin offenbar an meinem Ziel angekommen: "Churchstreet - what's the matter, blondy" höre ich gerade noch den schwarzen Fahrer zwischen seinen voluminösen Lippenformationen herausquetschen. Dann weiter in gebrochenem Deutsch:" Missi, du hier aussteigen, passen auf, iste dark soon, dankel, dunkel!"
Ich entschuldige mich an den beiden widerlichen Typen beim Ausstieg vorbei und stelle meinen Reise-Trolly am Straßenrand umständlich auf die Räder, der Bus hinterlässt eine stinkende Abgasfahne. Ich stehe ganz allein bei diesem schäbigen Stationsschild, und ich komme mir ziemlich einsam vor.
Der kühle Abendwind kann meine Stimmung nicht wesentlich verbessern. Meine durchgeschwitzten Reiseklamotten fühlen sich jetzt unangenehm kalt an. Churchstreet - aber ich sehe weit und breit keine Church. Nur eine aufgelassene Tankstelle mit lädiertem Emailschild "Gasoline" beleidigt mein ästhetisches Empfingen.
Wo war Onkel Fred? Er wollte mich doch abholen? Was tun ohne funktionierendes Handy?
Das grässliche Quietschen einer Tür erregt meine Aufmerksamkeit. War da jemand in der Tankstelle mit den zerbrochenen Scheiben? Mein Herz fängt an zu pochen. Niemand ist zu sehen. Dann wieder dieses Quietschen, Knarren, Stöhnen. Hat sich diese alte, rostige Eisentür, links, an der kaum einsehbaren Seitenwand bewegt?
Ich gehe in eine andere Position, um die Tür besser kontrollieren zu können. Und tatsächlich kommt ein Arm mit aufgekrempeltem Hemdsärmel zu Vorschein und deutet mir hastig, näher zu kommen. Panik erfasst mich, ich will fliehen, aber mit dem Gepäck wohl ein aussichtloses Unterfangen.
Ich überlege fieberhaft Alternativen. Was war wichtiger: ein Koffer oder mein Leben? Da kommt dieses Gesicht zum Vorschein. Ich glaube, meinen Onkel zu erkennen. "Onkel Fred, bist du das?" "Ja, komm schnell rüber und hab keine Angst, ich bin der, den sie sich schnappen wollen."
Ich erkenne jetzt auch seine Stimme und bin beruhigt. Sein Deutsch ist zwar durch die vielen Jahre in den Staaten mit einem etwas grotesken Akzent verfärbt, aber das ist jetzt weniger lustig. "Mounica, komm schnell hier rein mit deinem Koffer", zischt er gepresst. Er schließt eilig die Tür, nachdem er vorher noch schnell die Lage draußen sondiert hat. "Setz dich auf diese Kiste da - du musst müde sein - und lass dir erklären, warum ich dich so dringend hergerufen habe. Ein Verrückter ist hinter mir her, ich muss das selber regeln, die Polizei glaubt mir nicht, ich muss vorübergehend mit dir in ein kleines Hotel hier in der Nähe ziehen. Das alles ist aber sicher bald vorbei, und du bist dann eine reiche Frau, bist deine Geldsorgen los." Dass das eine doch sehr verkürzte, wenn nicht gar geschönte Story war, konnte die gute Monika nicht ahnen.

***

Onkel Fred hatte vor rund 20 Jahren Berlin verlassen, um als junger Abenteurer, den amerikanischen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Ein paar Jahre gelang es ihm nicht, Boden unter den Füßen zu kriegen.
In dieser Zeit hatte er sich auf ein paar unsaubere Geschäfte eingelassen, um nicht ganz abzudriften und als reumütiger Verlierer heimkehren zu müssen. Verlieren war absolut nicht seine Sache. "Augen zu und durch", war immer seine Devise. Und tatsächlich gelang es ihm, einen letzten großen Coup zu landen und danach wirklich Schluss zu machen.
Lenny Parker, sein kongenialer Partner mit speziellem Elektronik-Know-how, konnte es aber nicht lassen. Er musste noch ein weiteres letztes Mal einen Schrank aufmachen, wie er zu sagen pflegte, geräuschlos, nur mit Professionalität und seinem selbst konstruierten Elektronik-Spielkasten.
Er war schon einsame Klasse, dieser Lenny, ein schmächtiger Typ - auch bei der Arbeit immer mit Hut, weil er ihn größer machte. Er hasste jede Gewalt, gegen Schwarze, Mexikaner, Puertoricaner und Tresore. Aber dieser schwergewichtige Wachmann war ihm buchstäblich direkt in seinen Lieblings-Schraubenzieher gelaufen.
Er konnte in den 18 Jahren Haft nicht verstehen, warum er, der Friedfertige, einen von der Security ("Was haben sie hier zu suchen?") fast mit einem Schraubendreher erstochen hätte. Der Mann konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.
Die gravierenden Schädelverletzungen, die den Bedauernswerten in den Rollstuhl zwangen, waren allerdings durch den Sturz auf den Marmorboden entstanden. Diese Tatsache und ein guter Anwalt ließen Lenny - trotz zwei einschlägigen Vorstrafen - mit immer noch harten 18 Jahren davonkommen.
Fred konnte nichts für seinen Kumpanen tun. Er zog es vor, sich geschickt im Hintergrund zu halten. Es wäre nicht gut gewesen, wenn sich der Staatsanwalt auch für sein Vorleben interessiert hätte. Immerhin war er ja lange genug mit Lenny aktiv gewesen.
So gingen die Jahre ins Land, und Big Fred, wie er sich jetzt mit Recht nennen konnte, stieg zu einem der Big Player Miamis auf. "Überlegt investieren - Risiko streuen - zur ungeteilten Hand kassieren", das war seine einfache Geschäftsphilosophie.
Da ein Wettbüro wieder auf die Beine stellen, dort einen Spielsalon wieder in Schwung bringen, da eine abgefuckte Bar in ein Nobeletablissement verwandeln, dort eine Mehrheitsbeteilung an einer Baufirma erwerben.
Zuletzt befasste sich Fred nur noch mit ausgesuchten Immobilien, die er dank seiner guten Verbindungen an wohlhabende Europäer verhökerte. Das repräsentativste Objekt behielt er für sich selbst zurück, um - endlich - auch nach außen hin zeigen zu können: Hier ist das Anwesen eines US-Bürgers, der es geschafft hat!
16 Zimmer, 4 Bäder, großzügiger Wellnessbereich mit echten Natursteinfliesen aus den Rockies, Riesenpool, Parkanlage, großzügig dimensionierte Kiesauffahrt vom schmiedeeisernen Doppelflügeltor mit Überwachungskamera bis zum breitem Aufgang zur respekteinflößenden Eingangshalle. Ja, Fred hatte es geschafft.
Aber er hatte einen Fehler gemacht. Er hatte kaum an seinen Kumpel Lenny gedacht und ihn nicht ein einziges Mal hinter Gittern besucht. Lenny hatte wohl immer wieder geschrieben, besonders gegen Ende der Haft, aber Fred hatte die Briefe nicht mal geöffnet. Lenny passte nicht mehr in sein Lebenskonzept. Sollte das Männchen mit dem schwarzen Hut doch selber schauen, wie es wieder auf seine krummen Beine kam.

***

Big Fred steht am späten Vormittag auf seiner Veranda und schaut zufrieden auf sein Reich. Seine Morgenzigarre - zollfreier Eigenimport aus Kuba - will ihm heute nicht so recht schmecken, und auch dieses Ziehen im rechten Oberbauch meldet sich wieder, es unterscheidet sich von früheren leichten Beschwerden durch mehr Intensität und unangenehmes Krampfen, so dass ihm sogar kurz die Luft weg bleibt.
"Nur die Ruhe - das geht wie immer gleich vorüber", versucht er die bewährte Beschwichtigungsformel wie gewohnt. Tatsächlich stellt sich bald wieder das normale "Bauchgefühl" ein. Zufrieden geht Fred ins Haus, in sein Arbeitszimmer, an seinen riesigen Schreibtisch, auf dem neben zwei transparenten Telefonapparaten nur ein goldener Parker und ein einziges Blatt Papier liegt. Ein versenkbarer Aschenbecher vervollständigte das spartanisch-noble Ensemble.
Auf diese Optik legt er Wert, hatte er sie sich doch von hohen Tieren wie Generaldirektoren abgeschaut, die auch nie hinter einem vollgeräumten Arbeitsplatz posieren. Er lässt sich in seinen teuren Ledersessel fallen und greift zum Hörer, den er aber mit einem Aufschrei gleich wieder auf die Gabel knallt. Fred krümmt sich, stöhnt, wimmert gequält und ruft schließlich immer wieder: "Scheiße, Scheiße, Scheiße..." - eine Formulierung die so gar nicht mit dem Ambiente des Büros harmonieren will. "Verdammt, ich muss endlich mal mit Jeff darüber reden."

Sein Hausarzt schickt ihn zur Durchuntersuchung. Nach einer Woche bittet ihn Dr. Jeff Baxter zu sich. Seine Miene strahlt diesen aufgesetzten Optimismus aus, Fred kennt diese Psycho-Masche aus jener Zeit, als der Doktor ihn von einer Schusswunde kurierte, die absolut nicht heilen wollte. Je schlechter die Nachricht, um so unbeschwerter versuchte der Doc zu wirken.
"Raus mit der Sprache, Jeff, wie lange habe ich noch?"
"Sechs Monate" sagte der stämmige Arzt knochentrocken. "Vielleicht ein halbes Jahr", witzelte er makaber hinterher. "Da sitzt ein gewaltiger Tumor an deiner hübschen Gallenblase, jede Menge Metastasen im gesamten Oberbauch, auch die Nieren sind betroffen. Davon kommt dieses Stechen."
Fred starrt seine Leibarzt an wie ein Wesen von einem anderen Planeten. "Du machst Witze, lass den Unsinn, das Thema ist zu ernst, schreib das Rezept aus und sag mir, wann ich wiederkommen soll."
Fred will den Tatsachen nicht ins Auge schauen. Die entsetzlich Wahrheit schleicht sich aber gleichsam durch die Hintertür in sein Bewusstsein.
Als Fred auf die Straße taumelt, hin zu seinem riesigen US-Schlitten mit den seitlichen Holzornamenten, ist er mit seinen 55 Jahren ein alter Mann. Die Fahrt bis zu seinem Anwesen legt er wie in Trance zurück.
An seinem Schreibtisch greift er mechanisch, wie ferngesteuert, zum Telefon und vereinbart einen Termin mit seinem Anwalt und einen mit seinem Steuerberater.
Fred agierte jetzt monoton wie eine Maschine, sein Konzept ist glasklar: Das gesamte Vermögen schnell zu Geld und damit einen Menschen glücklich machen, seine Lieblingsnichte in Good Old Germany. Die steckt nach einem misslungenen Versuch, sich selbständig zu machen, gerade in allergrößten Schwierigkeiten.
Sie hatte erst kürzlich bei ihrem reichen Onkel aus Amerika telefonisch angefragt, ob er ihr helfen könne. Er hatte sich - aus für ihn selbst unerfindlichen Gründen - geziert und einen Rückruf so bald wie möglich versprochen. Er müsse sich das noch überelegen. Jetzt nimmt ihm das Schicksal die Entscheidung ab.

Der Verkauf der wichtigsten Vermögenswerte sollte sich jedenfalls in den nächsten sechs Monaten bewerkstelligen lassen. Anwalt und Steuerberater schauen nicht schlecht, als sie mit der Durchführung der umfangreichen Transaktion betraut werden. Bist du von Sinnen, hast du dir das wirklich gut überlegt, stehst du unter Druck und so ähnlich lauteten die Einwände. Aber letztlich hieß es, du musst wissen, was du tust.

Schmerzvolle Monate gehen ins Land. Morphium sei Dank, dass Fred einigermaßen über die Runden kommt. Die Sache geht im Großen und Ganzen relativ reibungslos über die Bühne. Der beträchtliche Erlös aus den diversen Verkäufen wird bei einer kleinen Privatbank (die manches nicht so genau nimmt) deponiert, den Zugriff darauf sollte möglichst bald seiner deutschen Lieblingsnichte durch eine entsprechende Zeichnungsberechtigung ermöglicht werden, damit sie auch im Todesfall des Onkels darauf zugreifen könnte. Dazu muss sie persönlich anreisen und ihre Unterschrift leisten.

Fred hat sich hinter seinem Schreibtisch niedergelassen, lehnt sich in seinem üppigen Arbeits- und Ruhesessel zufrieden zurück, genießt seine augenblickliche Schmerzfreiheit mit einer guten Zigarre, greift zum Telefon und ruft seinem Anwalt an. "Ist die Sache bei der Bank unterschriftsreif? Kann ich meine Nichte herlotsen? Ja? Also bis dann im Club, Max."
Er hat den Hörer noch in der Hand, als er hinter sich Glas splittern hört. Die Terrassentür fliegt auf, und Lenny steht vor ihm, unverkennbar mit seinem schwarzen Hut. In seinem Gefolge einige ungute Typen, die sich hinter ihm aufbauen.
"Da hast du dir ja ein schönes Nest gebaut, während ich 18 harte Jahre Knast abgezogen haben. Du hattest deinen Lenny wohl schon ganz vergessen, mich, dein externes Hirn, dem du alles verdankst. Jetzt ist Zahltag!"
Fred schnappt nach Luft und versucht es mit der versöhnlichen Tour.
"Nimm erst mal Platz, lieber Freund, mach dir's gemütlich, wir können über alles reden, ja, du wirst bekommen, was du verdienst." Er hatte es doppeldeutig gemeint, aber Lenny stieg nicht drauf ein.
"Genau das hatte auch ich vor", hechelte er. "Die Hälfte von deinem gesamten Vermögen für mich plus die Gage für meine Partner, oder du bist dran. Du bist ja gerade sehr liquid wie ich aus der Szene höre. Hast alles zu Geld gemacht. Spuck's aus, was hast du vor?" Lenny spulte seinen Text routiniert runter.. "Wichtig ist, dass ich mich jetzt endlich gesundstoßen kann. Pass auf, Fred, es muss aussehen wie eine normale Transaktion. Kein Bargeld - eine solide Überweisung. Alle Details in den nächsten Tagen. Und damit du weißt, dass ich's ernst meine, hier ein kleiner Beweis."
Das Projektil ruiniert Freds teures Sakko und streift seinen rechten Oberarm. Der Begleiter mit dem schmalen Oberlippenbart musste ein Spezialist für haarscharfe Warnschüsse sein. Wieder allein prüft Fred den Streifschuss und ist beruhigt. Das konnte er selbst verarzten. Aber mit den Typen war nicht zu spaßen. Aberwa soll's - er hatte ja schon alles Nötige in die Wege geleitet, aber nicht für Lenny, sondern für seine Nichte Monika.

Lenny und seine Truppe kommen noch mal auf Besuch und bringen sich mit einem zweiten Streifschuss - am linken Oberarm - in Erinnerung. "Du hast noch genau eine Woche, wenn du die Sache überleben willst..." Fred ist es egal, ob er an Lenny oder an Krebs krepieren würde. Im Gegenteil, er kann einem raschen Ende durch eine Kugel viel Positives abgewinnen. Den Bauch voller Metastasen ist viel schlimmer als eine großkalibrige Schrotladung - so viel ist sicher, denkt er sich und verzieht den Mund zu einem bitteren Grinsen. "Scheiße, verdammte Scheiße!"
Jetzt war aber keine Zeit für Sentimentalitäten. Fred musste handeln, und er weiß, was zu tun ist. "Mach schnell Mounica, flieg mit der nächsten Maschine zu mir rüber, Miami Airport, ich überweis dir den Preis für ein Businessticket heute noch telegrafisch. Hör zu, hier wartet die Lösung all deiner Probleme auf dich. Hör mir genau zu, ich sag dir, wie du mich findest."

***

Onkel Fred hat kein Problem, mich wieder zu erkennen. Ich habe mich seit seinem letzten Besuch in der Heimat, wo er sich als reicher Onkel aus Amerika feiern ließ, kaum verändert. Ich habe immer noch dieses schmale Gesicht mit den spitzbübischen Augen. Ich hänge mich gleich bei ihm ein, was ihn kurz zusammenzucken lässt. "Was ist mit dir, Onkel Fred?"
Der verletze Oberarm mit der Schusswunde hatte sich leicht entzündet und schmerzt immer noch. "Nein, es ist nichts, ich habe da nur eine kleine Wetterfühligkeit." Und mit dem Blick zum Himmel: "Es wird wohl bald Regen geben."
Drei Querstraßen weiter - Fred sieht sich immer wieder nach eventuellen Verfolgern um - sehen sie ein Hotelschild. "Du hast etwas von einem Verrückten gesagt, der dich verfolgt und wegen dem du jetzt mal im Hotel wohnen musst. Ist es das da vorne?"
"Ja, komm, lass uns schnell hier rein verschwinden, man weiß ja nie..."

Es ist nicht gerade First Class Standard - aber Fred ist jetzt die Unauffälligkeit wichtiger. Wir gehen an der unbesetzten Rezeption vorbei, die knarrende Stiege rauf, drei Türen nach links, Zimmer Nr. 11. Es ist nicht mehr als eine einigermaßen saubere Bleibe.
"Ich habe das genommen, dein Zimmer ist daneben, du hast Nr. 12. Es gibt eine Verbindungstür zwischen beiden. Das ist praktisch, wenn es brenzlig werden sollte."
Ich schaue meinen Onkel unsicher an: "Brenzlig werden sollte? Was kann denn passieren, wenn niemand weiß, dass wir hier sind?"
"Niemand weiß, ob niemand weiß, dass wir hier sind, aber mach dir keine Sorgen." Fred erzählt mir die wahre Geschichte von seiner Krankheit und die falsche vom Verrückten, der hinter ihm her sein soll.
"Und deshalb hast du alles zu Geld gemacht? Und du willst wirklich, dass ich alles kriege?"
"Mounica, dort, wo ich bald hinmarschiere, kann ich den ganzen Zaster sowieso nicht brauchen, oder siehst du das anders? Und die junge Betty - ich hab dir nie von meiner letzten Langzeit-Freundin erzählt - kriegt keinen Cent, die kann wieder zurück in die miese kleine Bar, aus der ich sie damals nach einer Drei-Tage-Crash-Party rausgeholt habe."

Schon am nächsten Tag ist Banktermin. Der sympathische junge Mann am Schalter stellt sich höflich vor. "Marc Fridman, das haben wir gleich. Ist das die junge Dame, die unterschreiben soll?"
Er wartet keine Antwort ab und lenkt uns beide kompetent durch den bürokratischen Dschungel. Ich deponiere meine Unterschriftsprobe und kann ab sofort über das Konto verfügen. "Damit wäre alles erledigt, vielen Dank!" Marc schaut mich viel länger als nötig an, mit tiefblauen Augen, die - es mag kitschig klingen - ganze Romane erzählen, die offenbar jedes mimische Signal aufnehmen und deuten können. Ich würde es selbst nicht glauben, wenn ich es nicht wirklich so gewesen wäre. Ein unglaublich intensiver 5-Minuten-Flirt beginnt, und mir kommt es so vor, als wäre es ein ganzes Leben. Liebe auf den ersten Blick? Ja das gibt es. Ich erinnere mich an meinen ersten Jugendflirt, an Nick, den Zauberer. Der konnte schon mit 15 Gedanken lesen.
Dieser hübsche Nick sagte mir eines Abends auf den Kopf zu, dass ich ihn liebe. Gut, er kassierte dafür eine saftige Ohrfeige, aber die war es ihm Wert, weil ich mich nachher mit einem Küsschen dafür entschuldigte. Die Beziehung blieb dann doch in den Anfängen stecken, aber noch heute sind wir beide in Verbindung, und wenn einer den anderen anruft, ist es immer wie Gedankenübertragung: "Ich hab auch gerade zum Hörer gegriffen. Ich habe gefühlt, dass du mich brauchst..."
Was war das jetzt mit dem jungen Mann?" holt mich Onkel Fred aus meinen Gedanken. "Raus mit der Sprache, mach kein Bankgeheimnis draus." Ich kann nur mit meinem Rossschwanz wedeln und lachen.

Fred und ich kehren unverzüglich ins Hotel zurück. "Jetzt steht deinem Glück nichts mehr im Wege. Meine liebe Mounica, du kannst ab sofort über das Konto voll und ganz verfügen, und ich kann diese Welt beruhigt verlassen, wenn der Boss da über uns es will." Er blickt und deutet mit beiden Armen nach oben. "Mal sehen, wie viel Zeit mir noch bleibt..."
Seine Betrachtung wird je unterbrochen, als wir merken dass die Zimmertür einen Spalt weit offen steht. Fred versenkt seine linke Hand in der Jackettasche und stößt mit dem linken Fuß kräftig die Tür auf, während er schnell zurück in den dunklen Gang tritt. Ich dicht hinter ihm. "Verschwinde, Mo, hau schnell ab, ich kann dich hier jetzt nicht brauchen."
Ich zögere nur eine Sekunde - konnte ich Onkel Fred alleine lassen? -, bevor ich in Panik davon stürme.
Fred hatte schon mit der Möglichkeit gerechnet, dass er von der Lenny-Clicke empfangen werden könnte. "Lenny, bist du da drin? Ich komm jetzt rein. Lass uns reden."
"Freunde sind immer willkommen", krächzt der kleine Mann. Lenny liegt mit breitem Grinsen auf Freds Bett, den Hut in die Stirn gerückt, die Beine mit den glatt polierten Schuhen lässig über einander geschlagen... Ohne die weißen Socken, hätte es noch besser ausgesehen.
"Liegst du bequem, Amigo?" Fred wartet die Antwort nicht ab und schießt sofort aus der Sakkotasche, erwischt aber Lenny nur am rechten Ohr. Er weiß, dass er keine wirkliche Chance gegen die feindliche Übermacht hat. Er will nur Monika einen möglichst großen Vorsprung verschaffen.
Der Mann mit dem schmalen Oberlippenbart macht diesmal ernst. Fred sinkt in die Brust getroffen zu Boden.
"Holt mir schnell seine Nichte zurück, das junge Ding kann noch nicht weit sein." Lennys Leute schwärmen aus, und erwischen mich ein paar Blocks weiter in einem kleinen Gemischtwarenladen, wo ich verzweifelt versuche, den alten schwarzen Kassier von meiner Notlage zu überzeugen. "Wo ist ihr Telefon? Ich werde verfolgt, rufen Sie die Polizei, schnell, ich bitte sie, schnell!"
"Ich falle nicht noch mal auf sie rein, junge Lady. Sie haben mich erst gestern zum Narren gehalten mit ihrer Mitleidstour, dann haben aber gleich zwei Typen in weißen Mänteln mit einer Zwangsjacke dem Spuk ein rasches Ende bereitet."
"Um Himmels Willen, sie verwechseln mich!"
Zwei Typen stürmen in den Laden, packen mich und drücken mir unmissverständlich so etwas wie eine Pistole in die Seite, dann haken sie sich rechts und links unter, so dass Passanten den Eindruck haben müssen, hier sei eine Frau mit zwei etwas zu leidenschaftlichen Kavalieren unterwegs... Dem Mann hinter der Kassa kommt die Sache dann aber doch nicht ganz geheuer vor. "Die sahen aber gar nicht so wie Pfleger aus, komisch, was es heutzutage alles gibt." Dann rückte er das große Glas mit den bunten Zuckerln auf dem Tresen zurecht und die Sache ist vergessen.

Lenny grinst liebenswürdig, als ich wieder vor ihm stehe. Sein rechtes Ohr ziert nur ein kleines Pflaster. Er hat die Wartezeit bequem auf dem Bett verbracht, erhebt sich nun in einer eleganten Schraubenbewegung und baut sich vor mir auf. "Was habe ich da vorhin gerade noch mitgekriegt? Da gibt es ein Konto, und du bist zeichnungsberechtigt? Das macht die Sache wesentlich einfacher. Du wirst ab jetzt genau das tun, was ich dir sage. Oder mein Freund hier schießt dir dein bezauberndes Ohrläppchen samt dem unechten Klunker dran runter, hast du das verstanden?" Er grinst verbindlich. "Ich möchte das wirklich vermeiden, ich kann klein Blut sehen, nicht mal mein eigenes."
Er fasst so unvermittelt und fest nach mir, dass ich erschreckt einen Schrei ausstoße. "Und jetzt mach den Mund auf und verarsch mich nicht."
Ich reiße mich los und versuche die Tür zu erreichen, und wieder stellt der Streifschuss-Spezialist sein Können unter Beweis, er erwischt mich gerade noch am rechten Unterarm, nur ein Kratzer, aber er genügt, um mich dazu zu bringen, bereitwillig den Namen der Bank zu nennen.
Lenny flüsterte direkt in mein Ohr - es war widerlich, seinen Atem so warm zu spüren: "Wenn du dein dämliches Deutschland wieder sehen willst, tust du, was diese US-Boys dir jetzt sagen. Wo ist das Geld? Die ganze verdammte Scheiß-Marie! Führ uns hin und verzichte auf irgendwelche Dummheiten, du wirst mir gleich morgen früh das gesamte Guthaben überweisen."

Es ist die grauenvollste Nacht meines Lebens. Die Lenny-Clicke verklebt mir den Mund, rollt mich in den staubigen Teppich ein und bugsiert mich unsanft aus dem Hotel in einen Wagen unweit des Hoteleinganges. Der Rücksitz ist immerhin bequemer als der Kofferraum. Die wilde Fahrt geht schätzungsweise eine halbe Stunde kreuz und quer Richtung Stadt - das kann ich am vermehrten Verkehrslärm hören.
Der Wagen parkt hart an den Randstein, so dass ein schabender Kontakt mit der Felge entsteht. "Scheiße!" kommentiert Lenny die Fahrweise des Chauffeurs. "Schießen kannst du besser." Ich werde in ein dunkles, fensterloses Zimmer gestoßen. "Hier hast du einen Becher Wasser und einen Krümel Brot, da ist dein Bett und das Klo ist da hinten.
Die Tür knallt zu, der Schlüssel wird zweimal umgedreht und ich bin allein in diesem Verließ. Die schwache Glühbirne beleuchtet eine erbärmliche, gespenstische Szene. Von irgend wo her höre ich gerade noch so etwas wie Country Music. War da in der Nähe so was wie eine Disco oder ein Western-Schuppen?
Egal, die Polizei war nicht da, und nur das zählte.
Ich bringe keinen Bissen runter, nur etwas Wasser braucht meine ausgetrocknete Kehle. Ich versuche zur rekapitulieren. Morgen früh würden sie zur Bank fahren, ich musste dem jungen Mann dort irgendwie klar machen, dass etwas nicht in Ordnung war, ohne dass meine Begleiter Verdacht schöpften.
Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch mit Onkel Fred, an die seltsame Seelenverwandtschaft, die ich zu dem jungen Mann dort empfand. Es müsste doch möglich sein, diesem charmanten Marc meine Lage ohne Worte verständlich zu machen. Seine Augen, meine Augen - vielleicht gibt es noch ein zweites Mal die Chance der totalen Gedankenübertragung...
Ein schwerer Schlaf, ein tiefer, aber kaum erholsamer Schlaf führt mich zunächst zurück in die heile Welt meiner Kindheit. Die Wiesen, die Rinderherden, das grüne Tal mit den weißen Bergen.
Dann steigen Ängste auf aus den Tiefen meiner jungen Seele, ich sehe mich fliehen aus dunklen Schluchten, versuche das Ufer zu erreichen aus tosenden Fluten, laufe durch regennasse Strassen, verfolgt von einem Schatten, der mich im Lichtschein der Laternen immer wieder einholt, überholt, suche immer wieder das Weite und kann doch die Nähe nicht abschütteln, im Moment der Katastrophe versagen meine Beine, ich schrecke Schweiß gebadet auf und kann nur mühsam die schreckliche Realität begreifen, im Halbschlaf dämmere ich weiter...

Am nächsten Morgen, zu Bankbeginn, betrete ich die Schalterhalle. Ich weiß, dass jeder meiner Schritte und auch meine Gesten überwacht werden. Dicht hinter mir steht der Streifschuss-Mann, und es erscheint mir unmöglich, eine geheime SOS-Botschaft abzusetzen.
"Wenn du es verbockst", hatte Lenny mir unmissverständlich klar gemacht, "bist du ein Fall fürs Rote Kreuz, und ein paar von den geschniegelten Banktypen marschieren gleich ins Jenseits mit."
Der junge Mann am Schalter schaut überrascht, als er "sein Mädchen" wieder sieht, sie schaut nicht gut aus, irgendwie verändert, denkt er sich. Ich verziehe keine Miene, aber er liest in meinen Augen eine Geschichte, die ihm zu denken gibt, strahlt dennoch Ruhe aus, vermittelt mir die Gewissheit, dass er verstanden hat, er erledigt zuvorkommend und ohne sichtbare Erregung die Formalitäten, legt die Überweisung - die auf einen L. Hogan lautet - aber mit einem viel sagenden Blick zur Seite.
Wieder allein verständigt er die Polizei, die die Gang schon länger observiert und nur auf einen geeigneten Moment wartet zuzuschlagen. Der Tote im Hotel, Onkel Fred, liefert dann den idealen Anlass aktiv zu werden. Sergeant Marc Porter zum örtlichen Sheriff: "Mal sehen, mal abwarten, nichts überstürzen, beim Begräbnis von diesem Big Fred, wie sie ihn nennen, können wir vielleicht die ganze Truppe auf einen Schlag erledigen. Mir fehlen da noch ein paar zwielichtige Typen, die ich keinem meiner aktuellen Fälle zuordnen kann."

Lenny ist in Hochstimmung, jetzt hat er es geschafft. Drei Tage noch, dann ist der ganze Zaster auf seinem Konto. Seiner neuen Bank hat er bei der Kontoeröffnung gefälschte Papiere vorgelegt, für die war er L. Hogan, ein Geschäftsmann aus dem Südwesten, der in Florida groß einsteigen will, und die schöpfen auch keinen Verdacht, als er gleich verfügt, dass das Guthaben sofort in drei unterschiedlichen Teilbeträgen auf andere Konten im Sonnenstaat weiter überwiesen werden soll."
Dafür musste er weitere drei Tage einkalkulieren. Lenny ist stolz auf seine Zwei-Stufen-Strategie. Die drei Konten mit den Teilbeträgen konnte er leichter und unauffälliger wieder abräumen als ein Konto mit der Gesamtsumme. Drei und drei macht sechs. Sechs Tage also bis zum großen Geld, abzüglich Spesen für seine Truppe. Kein Problem, die "Gewinnsumme" war ohnehin doppelt so groß wie erwartet. Lenny hatte ja nur die Hälfte des Vermögens gefordert und dann durch einen glücklichen Zufall in Gestalt einer abgebrannten deutschen Maid und eines todkranken Big Spender doch alles bekommen.

"Ehrensache!" Für den konservativen Lenny und seine Co-Ganoven ist es selbstverständlich, ihren Big Fred, ihren großen, unfreiwilligen Gönner, auf seinem letzten Weg zu begleiten. Und Lenny ist es auch, der sich nicht nur unter die Trauergäste - darunter viele aus der "Branche" - mischt. Er gibt sich als langjähriger Jugendfreund des Verstorbenen aus, wirkt total gebrochen und sagt nach dem Pastor spontan einige persönliche Worte, würdigt Fred mit Tränen in den Augen als wahren Freund, der auch in dunklen Stunden des Lebens immer zur Stelle gewesen sei, seinem Mörder schwört er pathetisch Verfolgung bis in alle Ewigkeit...
Seine zwielichtigen Komplizen sind mit dabei und sollen mich offenbar im Auge behalten, damit ich nicht im letzten Moment noch Dummheiten mache. Ich denke gar nicht dran und werde in der Gewissheit abfliegen, bald hierher zurückzukehren, wenn nötig meine Aussage zu machen, jedenfalls meine Bank zu besuchen und vielleicht sogar mit einem bestimmten jungen Mann in den Staaten eine neues Leben aufzubauen...

Lenny ist von seinen eigenen Worten überwältigt, Lenny, dieses Männchen mit dem schwarzen Hut, den er immer wieder festhalten muss.

Wie lächerlich. Verstehen kann man ihn schon gar nicht, dafür weht der Wind aus der falschen Richtung und zu böig. Verwundert blicke ich mich um. Hatte Fred wirklich so viele Freunde und Bekannte. Achtlos stehen sie auf angrenzenden Gräbern, die wenigen Pflanzen zertrampelnd. Zwei Polizisten in Uniform und Spiegelbrille verharren in einiger Entfernung, regungslos. Das Männchen mit dem Hut kommt auf mich zu, gibt mir die Hand, murmelt etwas mit gesenktem Blick. Ich muss ihm die linke entgegenstrecken. Die Schmerzen im bandagierten rechten Arm sind auch nach beinahe einer Woche sehr gegenwärtig.
Ein Klagelied erhebt sich über dem Friedhof vom böigen Wind zerfleddert, schön und traurig. Tränen steigen mir in die Augen. Warum. Warum. Warum. Stark bleiben, nur jetzt keinen Schwächeanfall. Die Leute schauen zu mir rüber.
Zwischen Sträuchern etwas abseits des frisch ausgehobenen Grabes sehe ich ihn. Offensichtlich beobachtet er mich schon länger. Ein Gefühl großer Dankbarkeit durchströmt mich mit Wärme. Ich hebe leicht die linke Hand zu einem angedeuteten Gruß, den er auch prompt erwidert. Ein Lächeln umspielt seine Lippen.
Diesmal nehme ich das Taxi zum Airport. Es darf jetzt nichts mehr schief gehen. Ich muss weg! Sehr schnell weg! Erst im Flieger werde ich mich wieder sicher fühlen.