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Autorin: Angelika Lübcke, Berlin
Schwerfällig und angestrengt nimmt der Bus
wieder Fahrt auf. Ein schwarze Wolke verdüstert das fauchende Heck.
Dieses Gehupe. Diese Schwüle, von wegen Klimaanlage. Meine Beine
kleben an einem ekligen roten Kunststoffbezug des Sitzes. Neben mir ein
ekliger, fetter Typ. Draussen ziemlich viel staubiges Rot, angestaubte
Palmen huschen vorbei, bisher nur armselige Behausungen aus Holz, oder
Beton, Kinder rennen einem Ball hinterher.
Das Spiegelbild im Fenster, cool und schön , wie alle Spiegelbilder.
Die Haare hinten zum Pferdeschwanz zusammengebunden, wie immer auf Reisen,
und dann diese ober coole Sonnenbrille, die ich kurz vor der Abreise erstanden
habe.
Das durchsichtig schmeichelhafte Spiegelbild kann allerdings nicht darüber
hinweg täuschen, dass ich mich nach der langen Reise kaputt fühle,
erschlagen, nass und klebrig - aber irgendwie nicht richtig müde.
Den Punkt der normalen Müdigkeit habe ich längst hinter mir.
Bin in der Phase der abgespannten Wachheit angekommen.
Onkel Fred konnte ich vom Flughafen nicht erreichen. Mein Handy funktioniert
ebenfalls nicht. Aber deswegen mache ich mir keine Sorgen. Hier funktioniert
kein Handy. Völlig normal.
Er könne mich leider nicht abholen, aber es sei ganz einfach. In
den Bus Nummer 28 einsteigen, direkt am Arrival Terminal, nach 7 Stationen
aussteigen. Churchstreet. Auf keinen Fall ein Taxi nehmen. Und bitte keine
überdimensionierten Koffer. Ich bräuchte hier nicht viel. Sieben
Stationen.
Der Bus hält jetzt das vierte Mal. Niemand steigt aus. Zwei Männer
in fleckigen Hemden steigen zu. Der Kleinere von beiden trägt eine
schwarze Baseball-Kappe mit NewYorkCity-Logo. Sie bleiben neben dem Ausgang
stehen.
Der Kleinere sieht zu mir herüber. Ich finde ihn
fast häßlich. Diese lange Hakennase
mit den großen Nasenlöchern. Sie glichen den Augen von Schweinen,
obwohl diese Augen noch Charakter haben, seine hingegen waren einfach
nur eine wässrige, graue Masse. Der Mund war breit, so breit das
er garantiert eine Banane quer essen konnte. Sein Kinn war flach und unrasiert,
der dicke Bauch begann gleich unter dem Kinn. Die faltige Denkerstirn
für Eintagsfliegen wölbte sich unnatürlich nach vorn. Ob
er überhaupt den Luxus von Haare besaß, konnte ich nicht erkennen,
aber dafür hörte ich in feiner Regelmäßigkeit wie
er seine Nase hochzog . Bitte die Nase putzen hätte ich ihm am liebsten
empfohlen, ansonsten gibt es eine Überschwemmung im Hirn.
Der Große kaute ständig an seinem Schnauzbart. Toll, denke
ich, vielleicht hat er sich etwas von seinem Pausenbrot aufgehoben und
läßt es sich jetzt genüßlich schmecken. Mir ist
es zu blöd die Beiden zu beobachten und ich lenkte meinen Blick weiter
auf die kahle Landschaft.
Ich schwitzte denn im Bus war es heiß. Die Sonnenbrille begann zu
rutschen und ich legte sie neben mir auf den Sitz. Der große Mann
setzt sich mir gegenüber und plötzlich bremste der Bus so stark
das ich diesem Menschen fast auf den Schoß fiel. Sofort entschuldigte
ich mich und dachte mir, kleine Sünden bestraft der Liebe Gott sofort.
Der Mann nahm es gelassen hin und lächelte mich freundlich an. An
der nächsten Haltestelle stiegen die beiden Männer aus und verschwanden
hinter einem alten Hausgiebel.
Wir fuhren in eine kleine Stadt. Die Gegend wurde nicht besser. Schmutzige,
schlammige Pfützen verteilten sich auf der Fahrbahn. Hier gab es
keinen
gepflegten Asphalt und der Bus schaukelte von einer Bodenwelle zur anderen.
Ich dachte an Onkel Fred. Er schrieb mir immer so tolle Ansichtskarten.
Unmöglich das die aus der tristen Gegend stammten. Die Hitze, die
Müdigkeit und mein Durst machten mir die Busfahrt zur Hölle.
Endlich konnte ich aussteigen. Zögernd sah ich mich um, denn ich
wußte nicht genau in welche Richtung ich gehen mußte. Ich
sah vor einem alten Haus einen Mann sitzen der eine Zeitung las. Ich beschloß
ihn anzusprechen. Dann spürte ich wie mir jemand auf meine rechte
Schulter klopfte. Als ich mich umsah erkannte ich meinen Onkel. Erleichtert
atmete ich auf und falle ihn temperamentvoll um den Hals. ""Mein
Engelchen, mein kleines Engelchen ," sagte er als er mich fest an
sich drückte. "Ich freue mich so das du hier bist. Endlich mal
einer aus der Familie der mich besucht." Glücklich blickte ich
in den wolkenlosen Himmel und war erleichtert nicht alleine zu sein. Er
war immer noch ein sehr attraktiver Mann. Groß, schlank, leicht
gebräunte Haut, strahlend blaue Augen und blondes Haar.
Er trug eine gut sitzende helle kurze Hose, ein dazu passendes Hemd und
einen Hut mit einer Krempe die ihn vor der Sonne schützen sollte.
Sein Lachen war so herzlich wie ich es als kleines Mädchen in Erinnerung
hatte. Die vielen kleinen Lachfältchen in seinem Gesicht schmeichelten
ihn ungemein. Es war schön in seinen Armen zu liegen. Ich fühlte
mich geliebt und beschützt, so wie ich mich immer bei meinen Vater
gefühlt hatte. Diese Kindheitserinnerung war wieder wach und ich
genoß diesen Augenblick sehr. Dann befreite ich mich aus seiner
Umarmung und sah ihn an. "Wieso wohnst du in so einer bescheuerten
Gegend, Onkel Fred? Deine Ansichtskarten waren traumhaft, aber die Wirklichkeit
ist ja abscheulich." "Ach was Engelchen, du wirst sehen bei
mir zu Hause gefällt es dir wieder. Ansichtskarten, was sagen Ansichtskarten
schon aus. Hätte ich dir Karten aus dieser Gegend geschickt, wärst
du doch niemals mich besuchen gekommen, oder?"
Onkel Fred lachte mich an. Sein braunes Gesicht mit den tollen gleichmäßigen
weißen Zähnen ließ mich ihm schnell vergeben. Er nahm
meinen Rucksack, legte seinen Arm um meine Schultern und ging mit mir
zu seinem Wagen. Es war ein alter Landrover der einsam am Straßenrand
stand. Auch er war von den vielen Pfützen mit schmutzigen Regenwasser
bespritzt. Es machte mir nichts aus. Mit jugendlichem Schwung warf Onkel
Fred das Gepäck auf den Rücksitz und öffnete mir die Beifahrertür.
"Für mein Engelchen eine kaltes Mineralwasser. Sicher bist du
ausgetrocknet." Er holte aus seinem Handschuhfach eine Flasche Mineralwasser
heraus, öffnete sie und hielt sie mir gegen meine glühenden
Wangen. "Das ist doch fast erotisch? Oder?" sagt e er lachend
und startete den Wagen. "Perfekter kann keine Begrüßung
ausfallen, Onkel Fred, sagte ich fröhlich und nahm einen großen
Schluck aus der kühlen Flasche.
Nach ein paar Minuten Autofahrt wurde die Gegend freundlicher. Die Häuser
waren gepflegter und die Kinder spielten jetzt auf kleinen eingezäunten
Plätzen. Es gab sogar Zypressen die unsere Straße säumten.
Die meisten Häuser hatten einen gepflegten Vorgarten. Langsam stellte
sich Urlaubsstimmung ein und ich versuchte etwas Musik in Onkel Freds
Radio zu empfangen. Es gelang mir nicht und ich gab es auf.
Ich fühlte mich wohl und kuschelte mich tiefer in meinen Beifahrersitz.
Onkel Fred sah mich lachend an. "Eine tolle Sonnenbrille hast du.
Die kleidet dich hervorragend. Wo hast du die denn gekauft?" "Ich
mußte lange am Flughafen auf meine Maschine warten. Da habe ich
die Zeit genutzt und mir dieses Sondermodell gekauft. Sie war natürlich
für meine Verhältnisse viel zu teuer, aber ich fand die einfach
nur schön. Flughafenpreise eben."
Ich zog meine Brille vom Kopf und gucke sie mir genau an. Da entdecke
ich an den linken Brillenbügel eine winzige Erhöhung. Sie störte
mich und ich versuchte sie abzukratzen. Mir gelang es nicht. "Auch
nicht alles Gold was glänzt," sagte ich und schob die Brille
zurück auf meinen Kopf.
Unterdessen bog der alte Landrover in einen breiten Seitenweg. Am Ende
dieses Weges befand sich eine große Villa. Onkel Fred öffnete
mit einer Fernbedienung das riesige schmiedeeiserne Tor. Ein wunderschöner
Garten mit breiten Wegen und ein plätschernden Springbrunnen in der
Mitte waren eine Augenweite für mich. Wie schön war das hier.
Nach dieser Fahrt hätte ich so viel Schönheit nicht erwartet.
Onkel Fred hielt vor einer eleganten Hauseinfahrt, sprang aus dem Wagen
und öffnete mir galant die Beifahrertür. "Na Engelchen,
zufrieden? Das hier ist doch eine Überraschung, stimmt`s?" Ich
machte große Augen. Mein Blick fiel auf ein kleines Türmchen
auf der linken Seite des Hauses. Dann sah ich noch zwei Türmchen
und ich dachte das dieses ein kleines Märchenschloß sein könnte.
"Gehört dir diese Villa?" fragte ich und griff nach meinem
Reisegepäck. "Noch nicht. Im Augenblick ist sie nur gemietet,
aber bald werde ich sie kaufen. " Ich staunte nicht schlecht. "Bist
du etwa reich, Onkel Fred? Ich meine, so ein richtiger reicher, alter
Sack?" Onkel Fred hob seinen rechten Zeigefinger und scherzhaft drohte
er mir. "Du, ich bin kein alter Sack. Ich bin wenn schon, denn schon,
ein junger, dynamischer, erfolgreicher Geschäftsmann." Ich lachte
und küßte meinen Onkel. "Es ist alles fast wie in einem
Traum. Jetzt brauche ich nur noch einen Prinzen. Hast du einen Prinzen
für mich?" "Engelchen, du brauchst keinen Prinzen, du hast
doch mich. Ich will dich ganz für mich alleine. Ich teile dich niemals
mit einem dahergelaufenen Prinzen."
Ein älterer Herr kam aus dem Haus und begrüßte mich freundlich.
" Er griff nach meinem Rucksack. Mein Onkel stellte ihn mir vor.
"Das ist Joachim, unser Hausdiener. Er wird sich um alles kümmern.
Hast du Wünsche, Engelchen nur Joachim fragen."
Joachim nickt mir zu und ging zurück ins Haus. Wieso hatte er mir
nicht Joachim zu Flughafen geschickt, dachte ich. Die anstrengende Busfahrt
hätte ich mir dann sparen können. Als ich das große Haus
betrat war ich begeistert. Alles im Haus war wunderschön. Die Empfangshalle
war hoch und hell. Die Sonne hatte genügend Platz sich auszubreiten.
Große, üppige Pflanzen und plätschernde Zimmerbrunnen
standen in jeder Ecke. Eine breite Marmortreppe führt in das Obergeschoß,
wo auch mein Zimmer war. Joachim ließ mir keine Zeit mich näher
umzusehen. Er winkte mir zu und ich beeilte mich hinter ihm her zu kommen.
Als wir vor meiner Zimmertür standen, öffnete Joachim mir die
Tür. Ich war sprachlos. Dieses Zimmer war völlig in rosa gehalten.
Rosa Tapete, rosa Schleifchen wo immer nur Schleifchen untergebracht werden
konnten, rosa Bettvorleger, rosa Fliesen im Bad, rosa Zahnbürste.
Sogar die Rollen Toilettenpapier waren in rosa. Ich fühlte mich in
dieser rosa Wolke total unwohl. Das war ein Alptraum. Was hat sich Onkel
Fred dabei nur gedacht?
Joachim ahnte wohl das dieses Zimmer nicht mein Geschmack war. "Sie
werden sich daran gewöhnen, Ihr Onkel hat es nur gut gemeint."
Ich setzte mich auf einen rosa Hocker und war mir nicht so sicher, ob
das eine gute Absicht sein sollte. Vielleicht hat Onkel Fred völlig
vergessen das ich keine elf Jahre mehr war. Sicher war seine Erinnerung
an mich das kleine, verspielte Mädchen das durchaus mit einem Eis
zufrieden war. Ich entschied mich, dieses Zimmer erst einmal einfach nur
hin zu nehmen und Onkel Fred deshalb keine Vorwürfe zu machen. Ich
begann meine wenigen Sachen in den rosa Schränken zu verstauen. Dabei
erinnerte ich mich noch an die Zeit, als Onkel Fred bei uns lebte. Es
gab so viele Geschichten. Er erzählte sie mir alle und ich schlief
dabei friedlich auf seinem Schoß ein. Er war mein lebendiger Kuschelbär,
meine Märchentante, meine erste große Liebe. Mein Vater war
oft eifersüchtig und als Mutter starb, war Onkel Fred für mich
meine männliche Mami. Er tat alles damit es mir an nichts fehlte,
aber Onkel Fred übertraf er nie. Er redete mir diese Liebe auch nie
aus, denn er war froh, mit seinen Sorgen um mich, nicht allein zu sein.
Viele Jahre vergingen so. Vater und Onkel Fred waren meine Familie. Eines
Tages erzählte mir Onkel Fred das er in ein fremdes Land muß.
Er versprach mir, mich nie zu vergessen. Zum Abschied schenkte ich ihm
ein kleines Bild von mir. Ja, es war ein Bild worauf ich ein rosa Kleid
trug, das mit rosa Schleifchen verziert war. Er küßte es und
fast feierlich legte er es in seine Brieftasche. Dann nahm er mich auf
den Arm und drückte mich fest an sich. "Mein Engelchen, wir
sehen uns bestimmt bald wieder. Gib auf deinen Vater acht." Dann
küßte er mich noch einmal und verschwand einfach so aus meinem
kleinen Leben. Ich bekam Ansichtskarten die ich gesammelt habe. Manchmal
schickte er uns das neuste Foto von sich. So wußten wir immer wie
er gerade aussah. Aber nie hatte ich eine Adresse von ihm. Mein Vater
tröstete mich und erklärte mir, wenn man sich ganz lieb hat,
dann kann ich alles den Sternen erzählen und die sorgen dafür
das Onkel Fred genau weiß was mich bedrückt. Damals glaubte
ich ihn und fast jeden Abend sprach ich mit den Sternen. Dann gab es drei
Jahre, in denen hörten wir gar nichts von meinem Onkel. Ich war sehr
beunruhigt, aber mein Vater tröstete mich. Er wird sich bald melden,
sagte er. Du wirst sehen, er hat dich nicht vergessen. So einfach glaubte
ich meinen Vater nicht mehr. Und als er dann verstarb und ich alleine
an seinem Grab stand, haßte ich Onkel Fred. Ich wollte ihn nie wieder
sehen und ich wünschte mir, er sei gestorben und Vater würde
noch leben. Ich kam in ein Waisenhaus und danach zog ich zu Tante Sonja.
Das war Onkel Freds Schwester. Sie kümmerte sich aufopferungsvoll
um mich. Aber auch sie wußte nichts Näheres von ihrem Bruder.
Eines Tages hörte ich auf nach ihm zu fragen. Dann kam ein Brief
von ihm. Er lud mich zu sich ein. Ich konnte ihm nicht mehr böse
sein. In meinen ersten Semesterferien machte ich mich auf den Weg meinen
Onkel Fred zu besuchen.
Rosa rot, das war die Farbe meines Kleidchens auf dem altern Foto. Er
wollte mir mit diesem Zimmer zeigen, daß er mich nie vergessen hatte.
Wie konnte ich da so ungerecht sein? Dieses Zimmer war ein Beweis für
seine Liebe. Bei diesem Gedanken konnte ich ein paar Tränen nicht
mehr zurückhalten. Langsam erhob ich mich von diesem rosa Hocker
und zählte die vielen kleinen Schleifen in meinem Zimmer. Es waren
siebenundzwanzig. Siebenundzwanzig mal, ich habe dich nie vergessen, Engelchen.
Das tat meiner verlassenen Seele gut. Von diesem Moment an liebte auch
ich die rosa rote Farbe und fühlte mich bei meinem alten, lieben
Onkel Fred gut aufgehoben.
Plötzlich sehe ich Joachim hinter mir stehen. "Haben Sie meinen
Onkel innenarchitektonisch beraten? Joachim lächelt und schüttelt
den Kopf. "Nein, bestimmt nicht. Aber ihr Onkel hat mir von Ihnen
erzählt. Danach dachte ich, daß sie eine kleine, verspielte
Lady sind und fand dieses Zimmer angemessen."
" Ja, es ist gut, sagte ich und öffnete meinen Pferdeschwanz."
Mir war warm und ich wollte duschen. Joachim wollte das Zimmer verlassen,
sah sich aber noch einmal nach mir um. "Ich bin beauftragt ihnen
mitzuteilen, daß ihr Onkel nur kurz weg mußte. Zum Abendessen
ist er wieder zurück. Sie sollen sich ausruhen und ich werde Ihnen
uneingeschränkt zur Verfügung stehen."
Ich bin kein Hauspersonal gewöhnt und deshalb wußte ich mit
der Situation nicht umzugehen. Joachims Gegenwart war mir nicht sehr angenehm.
Ich fühlte mich von ihm auf eine nicht erklärbare Art und Weise
beobachtet. Ich dankte und er ließ mich allein.
Ich ging unter die Dusche und machte mich frisch. Danach beschloß
ich mich etwas auszuruhen. Ich ging hinunter in den wunderschönen
Park. Unter einer großen Palme stand ein Liege. Ich legte mich auf
ein weiches Kissen und blickte immer noch in einen wolkenlosen Himmel.
Ich begann mit offenen Augen zu träumen. Dann stellte sich eine unwiderstehliche
Müdigkeit ein und ich schlief ein.
Die Stimme von Onkel Fred weckte mich. Ich fühlte mich ausgeruht
und freute mich auf unser gemeinsames Abendessen. Als ich das Haus betrat,
traute ich meinen Augen nicht. Die Halle und der Speisesaal waren bunt
geschmückt. Überall duftete es nach Blüten. Viele, mir
völlig unbekannte Mädchen sind in der Zwischenzeit eingetroffen.
Musik und ein tolles Büfett machten die Überraschung perfekt.
Joachim war damit beschäftigt die Mädchen zu bedienen. Eine
Empfangsparty vom Feinsten, dachte ich. Obwohl keines der Mädchen
mich kannte, lächelten sie mir alle zu und nahmen mich fröhlich
und unbeschwert in ihre Mitte auf. Onkel Fred stellte mich allen Gästen
vor. Mir fiel auf, daß kein einziger junger Mann dabei war. "Warum
sind es nur Mädchen," fragte ich Onkel Fred. Er lachte und meinte:
"Weiberabend, einfach nur ein lustiger Weiberabend. Außerdem
sind Joachim und ich doch ganz passable Männer. Wieso noch mehr Männer,
Engelchen? " Es war eine Ausrede. Das war mir schon klar. Das rosa
Zimmer, die vielen fremden Mädchen, was ging nur im Kopf meines Onkels
vor? Was dachte er von mir? Doch ich lies mich von der ungezwungenen Fröhlichkeit
der Mädchen anstecken. Ich tanzte, schwatzte und versuchte mir keinerlei
böse Gedanken zu machen. Irgendwann aber war mir das laute Lachen
zu viel. Ich beschloß auf die Terrasse zu gehen. Es war ein warmer
Sommerabend. Der Himmel war Sternen klar. Ich hatte einen phantastischen
Ausblick . Das beeindruckende Panorama legte sich mir zu Füßen.
Ich glaubte sogar das Meer rauschen zu hören, war mir aber nach einer
Weile nicht mehr so sicher. Schließlich waren es mindestens fünfzehn
Minuten vom Haus bis zum Strand. Die Abendluft war erfrischend. An diesem
Abend fühlte ich mich wohl und ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch
nicht, das er sehr seltsam enden sollte. Unerwartet stand Joachim hinter
mir. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Förmlich und steif reichte
er mir ein Glas Sekt. "Sie haben noch nichts gegessen, kleine Lady.
Möchten Sie das ich Ihnen etwas bringe?." "Danke,"
sagte ich und folgte Joachim wieder in die Villa. Laute Musik und kreischendes
Lachen empfingen mich. Obwohl ich keinen Hunger verspürte holte ich
mir etwas zu essen. Dabei fiel mein Blick auf ein junges, blondes Mädel
das etwas abseits von dem ganzen Trubel stand. Ich ging zu ihr und sprach
sie an."Hast du keinen Spaß an der Party," fragte ich
sie. Ich schaute sie mir genauer an. Zwei traurige blaue Augen starrten
abwesend in eine unergründliche Ferne. Ihre langen Arme hingen schlaff
an ihren wohlgeformten Körper herab. Ich war mir nicht sicher ob
sie mich überhaupt wahrgenommen hat. Aber dann sah auch sie mich
an. Sie zuckte mit den Achseln und sagte zu mir: "Ich weiß
nicht so recht," erwiderte sie mir mit ernsten Blick. Sie stellte
ihr halbvolles Glas ab und fuhr sich mit ihrer Hand durch das strähnige
Haar. Jetzt sah ich ein blitzen in ihren Augen das mich befremdete. "Du
gehörst nicht zu uns. Du bist die Nichte von Fred?" Sie sagte
es mit einem so seltsamen Unterton, daß ich stutzig wurde. "Ja,
ist das nicht in Ordnung?" fragte ich zurück . Sie winkte ab.
"Du hast Glück Mädel ,das du mit diesem Typen verwandt
bist. Ein reicher Onkel , ein gutes Leben. Das kann nicht Jede von uns
hier behaupten. Wir müssen hart für unser Geld arbeiten. Dein
Onkel ist der Boss. Aber er ist der Teufel, ein verdammter Teufel."
Ich wunderte mich und wollte sie fragen wie sie so etwas behaupten konnte,
aber sie ließ mich einfach stehen und ging zu den anderen Mädels
auf die Tanzfläche. Joachim brachte ihr ein neues Glas Champagner
und sie prostete mir mit einem zynischen Lächeln von weitem zu. Onkel
Fred stand neben mir und beobachtete wie sich mein Gesicht verklärte.
Als ich ihn sah fragte ich ihn. "Was ist mit dem blonden Mädel?
Wieso hat sie so einen schlechte Meinung von dir hat?" Onkel Fred
stutzte und ließ sich noch einmal das junge Mädel durch mich
zeigen. Dann lachte er und in gewohnter Weise forderte mich zum tanzen
auf. Ich gab nicht auf und fragte noch einmal. "Die kann dich nicht
leiden. Warum?" Mein Onkel hob mich plötzlich übermütig
hoch." Ich kreischte vor Vergnügen und hielt mich an seinen
breiten Schultern fest. "Das ist ein ehemaliges Verhältnis von
mir. Eine verschmähte Liebe. Einfacher gesagt, sie ist wütend
auf mich, weil ich sie nicht mehr lieben kann, Engelchen. Weiter nichts.
Frauen können so grausam sein." Er ließ mich wieder auf
die Tanzfläche und küßte mir die Stirn. Danach wirbelte
er mich ausgelassen herum und freute sich das ich außer Atem kam.
Das war für mich eine logische Erklärung. Ich glaubte ihm also,
denn so etwas kommt in den besten Kreisen vor.
Joachim schien das alles nicht besonders zu berühren. Er stand stocksteif
an seinem Büfett und sorgte dafür das es uns an nichts fehlte.
Ich ging auf ihn zu und er streckte mir ein neues, mit Cola gefülltes
Glas entgegen. "Soll ich Sie einen kurzen Moment ablösen?, fragte
ich ihn. Er sah mich großen Augen an. "Wieso das denn?"
Verlegen zuckte ich mit den Schultern. "Mir ist langweilig. Ich würde
gern etwas zu tun haben. Ich kenne kein einziges Mädel. Worüber
soll ich mich mit ihnen unterhalten?" Joachim sah mich ernst an.
"Das ist nett von Ihnen kleine Lady, aber ich bekomme diesen Job
bezahlt. Ihr Onkel würde es nicht gern sehen wenn Sie meine Arbeit
machen würden." Ich ging auf die Toilette. Dort standen ein
paar junge Mädchen die sich schminkten. Sie sahen sehr hübsch
aus und ich fand mich dagegen sehr solide. Als sie mich sahen, lachten
sie mir zu und verließen fast fluchtartig die Toilette. Nun ging
auch ich an den Spiegel und zog meine Lippen nach. Plötzlich hörte
ich ein leises Weinen das aus einer der Kabinen kam. Ich ging hinüber
und klopfte an die Kabinentür. "Hallo, hallo...
was ist mit Ihnen?" Ich bekam keine Antwort nur ein wiederholtes
leises Schluchzen
war zu hören. Ich wandte mich ab um meinen Lippenstift aus der Hand
zu legen. Dann merkte ich wie die Kabinentür vorsichtig geöffnet
wurde. Eines von den vielen Mädels stand vor mir. Sie hatte lange
schwarze Haare die ihr über die Schultern fielen und sie trug ein
wunderschönes weißes Kleid .Ihre Haut war leicht gebräunt
und die Figur wirkte fast zerbrechlich. Ihre dunklen Augen waren vom weinen
geschwollen. Wimperntusche lief in kleinen schwarzen Bächen über
ihre Wangen. "Bist du die Lady?" fragte sie mich leise und sah
mich mit ihren traurigen, dunklen Augen an. Ich ging auf sie zu. "Kann
ich dir helfen?" fragte ich sie und reichte ihr ein Tempotaschentuch.
Sie nahm das Tuch und wischte sich damit ihr Gesicht sauber. "Nein
danke, du kannst uns nicht helfen. Dein Onkel Fred..., er ist nicht nett
zu uns. Er hat mich vorhin geschlagen weil" ..." Das mir fremde
Mädel sah mich prüfend im Spiegel an. "Ich vertraue dir.
Du wirst mich nicht verraten. Ich wollte nach Hause ." Fassungslos
sah ich sie an. "Mein Onkel schlägt keine Frau," sagte
ich bestimmend. "Das hat er noch nie getan."
"Lady, du kennst deinen Onkel nicht. Er macht illegale Geschäfte
mit Mädchen. Wir sind nur Ware für ihn." Es klopfte stark
an der Toilettentür. Ich hörte wie Joachim nach mir rief. Das
Mädel zuckte zusammen. Ich legte ihr beruhigend meine Hand auf den
Arm. Ich meldete mich und Joachim fragte mich ob noch jemand bei mir ist.
"Nein ich bin ganz alleine hier." log ich und er gab sich damit
zufrieden. Wir hörten deutlich wie er sich von der Damentoilette
entfernte. Das Mädchen atmete auf. "Wo bist du zu Hause?"
fragte ich. "Nicht sehr weit von hier. Zwei Orte liegen zwischen
dieser Villa und meiner Familie. Ich wollte fliehen, dann wäre ich
noch in dieser Nacht zu Hause."
Ich war sprachlos. Dann sagte ich zu dem Mädchen: "Das hier
ist meine Empfangsparty. Jeder kann kommen und gehen wie er möchte.
Warum verbietet mein Onkel dir das?" Das fremde Mädchen hatte
sich beruhigt. Sie drehte sich zu mir um und flüsterte mir ins Ohr."Er
macht Geschäfte. Mein Bruder hat Schulden bei ihm und ich muß
diese bei Joachim und deinem Onkel abarbeiten." Verwirrt fragte ich
sie weiter:" Was meinst du mir abarbeiten? Prostitution?" Verschämt
senkte das Mädchen den Blick auf den Boden und nickte." "Mein
Onkel ist ein Zuhälter? Bist du dir da ganz sicher?" Wieder
polterte es laut gegen die Toilettentür. Dieses Mal wurde sie aber
mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen. Onkel Fred stand wütend
in der Tür. "Ladys, draußen ist die Party. Wir wollen
doch Spaß haben? Also bitte, seid ihr fertig mit der Toilette?"
Diesen Ton kannte ich nicht von ihm. Ich begann dem fremden Mädchen
zu glauben. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen und ich dachte mir,
wieso sollte er kein Zuhälter sein. Auch das würde zu ihm passen.
Langsam ging ich auf ihn zu. "Ich habe keinen Lippenstift dabei.
Sie hat mir ihren geliehen. Findest du das mir die Farbe steht?"
Onkel Fred sah mich mißtrauisch an. Ich spitzte meine Lippen und
küßte ihn auf die Wange. Dann packte ich ihn fest an sein linkes
Handgelenk und zog ihn hinter mir her. So konnte er sich nicht mehr mit
dem Mädchen beschäftigen. Abgelenkt wie er war sah er auch nicht
mehr wie sie kurzerhand durch die offene Hintertür verschwand. "Ich
möchte tanzen. Onkel Fred du bist der beste Tänzer aller Zeiten,"
umschmeichelte ich ihn. Ich schleifte ihn auf die Tanzfläche, presste
meinen Körper an den seinen und wir tanzten wie zwei frisch verliebte,
junge Leute. Dann sah ich wie das fremde Mädchen mit Joachim zögernd
den Saal betrat. Er mußte sie erwischt haben. Mir war jetzt alles
sonnenklar. Hier wurden grausame Geschäfte gemacht. Aber was sollte
ich in dieser Villa? Wieso hat mich Onkel Fred hier her gelockt. Joachim
gab dem Mädchen ein Glas Cola und redete temperamentvoll auf sie
ein. Sie erwiderte nichts, ging anschließend zu den anderen Mädchen
auf die Tanzfläche. Ich hatte keine Lust mehr auf den Abend. Um mich
aus der Affäre zu ziehen tat ich so, als hätte ich starke Kopfschmerzen.
Schnell verabschiedete ich mich und verließ die Party.
An diesem Abend lag ich noch lange wach in meinem Bett. Dann hörte
ich plötzlich ein lautes Gekreische unter meinem Fenster. Ich stand
auf und schaute in den Park. Joachim stand an einem geöffneten kleinen
Lieferwagen und hielt den stark angetrunkenen Mädchen die Tür
auf. Ein Mädchen versucht ihn kichernd zu umarmen, aber er stieß
sie grob von sich weg. Das Mädchen stolperte und fiel auf den Boden.
Joachim packte sie an den Haaren und riß sie hoch. Ein zweites Mädchen
versuchte ihrer Freundin zu helfen. Onkel Fred, der hinter Joachim stand,
stieß die Freundin heftig in den Rücken. Auch sie fiel auf
den Boden. Mein Onkel holte kräftig aus und schlug das auf den Boden
liegende Mädchen ein. Dann hob er sie auf und warf sie zu den Anderen
in das Auto. Ich versuchte den Fahrer des Autos zu erkennen, aber es gelang
mir nicht. Dann verließ das Auto den Park und alles war wieder ruhig
und friedlich. Das Villa lag im hellen Mondlicht und seine weiße
Fassade leuchtete in der Dunkelheit. Mir war nicht wohl bei dem was ich
gesehen hatte. Spontan beschloß ich nicht die gesamten vier Wochen
hier zu bleiben, sondern unter irgendeinen Vorwand früher abzureisen.
Am nächsten Tag machten Onkel Fred und ich einen Ausflug an`s Meer.
Die Sonne schien und die Luft war warm. Ich freute mich darauf schwimmen
zu gehen. Das Meer war tief dunkel blau. Nur ein paar weiße Kämme
durchbrachen das von der Sonne glitzernde Wasser. Weit in der Ferne fuhr
ein großes, weißes Schiff. Ich genoß die frische Luft
und bemühte mich bester Laune zu sein.
Als ich die vielen jungen Mädchen am Strand sah, fiel mir der gestrigen
Abend wieder ein. Onkel Fred zündete sich eine Zigarette an. Er schien
ebenfalls in bester Stimmung. "Engelchen, ich lege dir das Meer zu
Füße.," Ich lächelte. Wenn mein Vater mich für
zu geschwätzig hielt sagte er zu mir," reden ist Silber und
schweigen ist Gold. Ich entschied mich an diesem herrlichen Vormittag
für die letzte Variante. Irgendwann in diesem Urlaub werde ich Onkel
Fred noch klar machen, daß ich nicht mehr das kleine Mädchen
bin, die mit Puppen spielt und auf rosa rote Schleifchen ganz verrückt
ist. Er soll mich ruhig noch geraume Zeit für ein naives Dummchen
halten. An einem bunten Strandkiosk hielt mein Onkel an. Ohne sich noch
einmal nach mir umzuschauen lief er zum Kiosk und kaufte mir einen kleinen
Teddybären. Das Plüschtier freudig in der Luft schwingend kam
er zurück. "Hier Engelchen, der soll dir Glück bringen.
Dem kannst du alles anvertrauen ohne das er dich verrät." Mir
verschlug es die Sprache. Genau das hat noch gefehlt, dachte ich. Dann
machte sich wieder diese gestrige Wut in mir breit. Ich schloß für
einen Augenblick die Augen und hatte Mühe meinen Zorn zurückzuhalten.
Nein, ich werde sehen wie weit das alles noch geht, dachte ich. Ich bedankte
mich artig, gab den Bär einen Kuß und blinzelte in die Sonne.
Mein Onkel stieg wieder in den Wagen. "Wo ist deine hübsche
Sonnenbrille?" fragt er mich. Wieso fragte er mich das? Was ging
ihm meine Sonnenbrille an fragte ich mich. Onkel Fred schien diese Gedanken
lesen zu können. "Ich bin besorgt um dich. Hier scheint die
Sonne viel stärker als bei uns zu Hause. Du verdirbst dir ganz schnell
die Augen. Du mußt sie tragen." Onkel Fred fuhr wie ein Henker.
Es machte ihm Spaß mit der Höchstgeschwindigkeit zu fahren.
Die Straße war Menschen leer. Trotzdem fühlte ich mich sicher
in seiner Nähe. Nicht eine Minute dachte ich daran das etwas passieren
könnte. Vor Übermut kreischte ich und mein Onkel begann alte
Lieder zu singen. Das Gaspedal war vom Willen meines Onkels abhängig.
Für mich wurde die Fahrt ein Rausch der Geschwindigkeit. . Ich wollte
nur noch diesen Tag genießen.
Der Fahrtwind kühlte meine erhitzte Stirn. Wir waren in Hochstimmung.
Ich sah wie Bauern auf dem Feld arbeiteten. Ich roch den würzigen
Seewind und schmeckte die salzige Luft. Bald hatte ich meine Sorgen vergessen.
Irgendwann hielt Onkel Fred auf an einer langen Düne an. Der Motor
war ausgeschaltet, aber mein Herz schlug freudig dem kühlen Meerwasser
entgegen. Ich sprang aus dem Auto, zog mich beim laufen aus
und warf mich in das kühle Naß. Das Wasser schlug über
meinen Kopf zusammen, ich begann kräftig zu schwimmen. Die Welt sollte
ihre Sorgen für sich behalten, dachte ich.
Es war traumhaft hier. Als ich endlich genug hatte, schwamm ich an den
Strand zurück. Ich sah den alten Landrover friedlich am Dünenrand
stehen. Onkel Fred war weg. Meine Augen suchten ihn. Nachdem ich eine
Weile umsonst gesucht hatte, setze ich mich in den warmen Sand und beobachte
die braungebrannten Touristen. Dazwischen sah ich einen kleinen, mit einem
schwarzem Schlapphut bedeckten Mann der unentwegt in meine Richtung schaute.
Ich spürte wie sich meine Haut bis zum zerreißen spannte. Sie
war vom salzigen Meerwasser völlig ausgelaugt. Ich cremte sie ein
und versuchte Onkel Fred unter all den Menschen am Strand herauszufinden.
Es war wieder umsonst. Er schien verschollen. Dann sah ich wieder den
kleinen Mann mit dem großen Schlapphut und er schien auf mich zu
zu kommen.
Dann sehe ich Onkel Fred und der kleine Mann verschwindet hinter die Dünen.
Mein Onkel bringt eine Tüte Popkorn und einen kühle Selter mit.
Mit einem Stöhnen setzt er sich neben mich. "Du hattest es aber
eilig in`s Wasser zu kommen." "Ja, " sagte ich. "Das
Meer hat eine unglaubliche Anziehungskraft für mich.
Ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich mußte hinein springen. Willst
du nicht auch schwimmen gehen?" frage ich ihn. Er schüttelt
den Kopf. "Nein Engelchen, hier ist es mir zu gefährlich. Große
Fische, kleine Fische niemand weis etwas Genaues." "Ich dachte
hier wäre das Paradies. Willst du mich los werden? spottete ich."
Onkel Fred nahm sich eine Hand voll Popkorn aus der Tüte. Langsam
begann er zu essen. "Dir tut niemand was. Du bist viel zu hübsch,
Engelchen." Mein Onkel legte mir den Rest der Tüte in meine
Tasche. "Ich muß noch etwas erledigen. Wenn du genug hast komm
zu meinem Wagen. Danach fahren wir essen. " Schnell erhob ich mich
und umarme ihn. "Bis bald," sagte ich und küsste ihn auf
die Wange. Dann ging mein Blick wieder hinaus auf das Meer.
"Bitte drehen Sie sich nicht um," hörte ich eine fremde
Männerstimme hinter mir. "Sie kennen mich nicht, aber ich bin
der kleine schwarze Mann den sie vorhin am Strand gesehen haben . Sie
befinden sich in Gefahr. In großer Gefahr. Gehen Sie bitte auf gar
keinen Fall mehr im offenen Wasser schwimmen. Sie könnten ertrinken.
Ihr Onkel ist nicht der für den sie ihn halten. Wir haben ihn schon
lange unter Beobachtung. Es dauert nur noch eine kurze Zeit und wir haben
genug Beweise ihn festzunehmen. Am besten wäre Sie würden sofort
das Land verlassen, aber das geht nicht mehr. Ich bin beauftragt Sie zu
beschützen. Das werde ich auch tun."
Ich saß völlig überrascht und ratlos in meinem warmen
Sand. Das hier träumte ich doch nicht? Ich versuchte mich umzudrehen,
aber ein leichter Druck auf meiner linken Schulter hinderte mich daran.
"Nein bitte nicht. Gehen Sie in etwa zwei Minuten ein Stück
die Düne entlang und Sie werden einen gelben Sonnenschirm sehen.
Setzen Sie sich darunter und warten Sie auf mich. Ich werde eine blaue
Badehose tragen und auf Sie zukommen." Dann hörte ich wie der
Mann sich entfernte. Als ich mich umsah war er für mich nicht mehr
zu sehen. Das scheint ein Abenteuerurlaub zu werden dachte ich. Worauf
ließ ich mich da ein? Die Düne liegt weiß und friedlich
hinter mir. Das Dünengras beugt sich der Windrichtung. Hinter der
Biegung mußte der gelbe Sonnenschirm stehen. Ich griff nach meiner
Badetasche und erhob mich. Als ich mir den Sand von meinen Beinen klopfte,
sah ich den alten Landrover immer noch am Dünenrand stehen. Ich war
mir unsicher ob ich dieser Anweisung eines völlig fremden Mannes
folgen sollte. Meine Erinnerung an den gestrigen Abend war wieder da.
Ich dachte an die weinenden Mädels auf der Toilette und sah Joachim
wie er sie brutal an den Armen zog. Hier stimmte etwas nicht und das mußte
mit meinem Onkel zu tun haben. Ich setze meine Sonnenbrille auf und begann
wie ein ganz normaler Strandwanderer in die mir vorgegebene Richtung zu
laufen.
Als ich die Biegung hinter mir hatte, erkannte ich ein paar Meter vom
Strand entfernt, ein altes Fischerboot. Friedlich schaukelte es mit den
Wellen. Es war vom Strand durch eine Sandbank getrennt. Noch ein paar
Schritte von mir entfernt sah ich den gelben Sonnenschirm. Gespannt ging
ich auf ihn zu und setze mich in seinen Schatten.
Das Meer ist auch hier tief blau und kristallklar. Fast hätte ich
mir meine Zehe an einer messerscharfen Muschel geschnitten, als ich einen
älteren, untersetzten Mann mit einer blauen Badehose im flachen Wasser
auf mich zu kommen sah. Ängstlich und gespannt blicke ich ihm entgegen.
Ich war nervös. Der Mann lächelte mich freundlich an. Sein Gesicht
war von der Sonne gebräunt und seine Haut schien vom ewigen Seewind
leicht ausgemergelt. Seine braunen Augen versteckte er unter dichten,
schwarzen Augenbrauen. Zum Gruß reichte er mir die Hand. "Mein
Name ist John Kalizaki. Ich bin Hauptkommisar bei der einheimischen Kripo.
Mein Spezialgebiet ist der Diamantenschmuggel." Ich sehe diesen Fremden
ungläubig an. "Na und..., was habe ich mit Diamantenschmuggel
zu tun?" Alles hätte ich erwartet, aber keinen Kommisar der
für kriminelle Schmuggler zuständig war. Der kleine Mann legte
sich neben mir.
"Sie haben mehr damit zu tun als Ihnen lieb ist, junge Dame. Ich
kann nicht sehr lange neben Ihnen liegen bleiben. Das macht uns verdächtig.
Also unterbrechen Sie mich bitte nicht und hören Sie mir genau zu.
Ihr Onkel ist am Strand und bald wird er Sie suchen. Also bitte, passen
Sie auf was ich Ihnen zu sagen habe." Ich bin ärgerlich über
diesen Ton, aber bevor ich mir diesen verbeten kann, spricht der Fremde
weiter." Ihr Vater und Ihr Onkel haben gemeinsam mit Diamanten geschmuggelt.
Beide waren sie gleichberechtigte Partner. Eines Tages mußte ihr
Onkel in`s Gefängnis und ihr Vater arbeitete alleine weiter. Sie
verabredeten das Ihr Vater danach mit ihrem Onkel teilt. So eine Art Schmerzensgeld
für die verlorenen Jahre im Gefängnis. Doch Ihr Vater dachte
nicht daran. Er hat bis zum heutigen Tag nicht geteilt. Seit dem Tod Ihres
Vaters sucht Ihr netter Onkel nach der Beute. Er denkt nun, Sie wissen
mehr als er. Er will unbedingt die Diamanten die ihm zustehen." Der
alte Mann sieht mich prüfend an. Ich spüre den heißen
Sand zwischen meinen Fingern und bin außer mir vor Wut. "Sie
sind nicht zufälliger Weise ein bißchen verrückt ... oder
auf Droge? Was denken Sie eigentlich wen Sie vor sich haben. Die Tochter
eines reichen Diamantenschmugglers?" Der Fremde zuckt mit den Schultern.
"Ja, genau. Sie wissen es nur nicht. Seit dem Tod Ihres Vaters haben
wir Sie genau und über Jahre beobachtet. Wir sind davon überzeugt
das Sie wirklich nichts wissen. Aber das ist leider noch nicht alles.
Ihr Onkel ist gierig. Der Diamantenschmuggel reicht ihm nicht. Er ist
auch ein Mädchenhändler. Er versorgt die Bordells dieses Landes
mit neuen, unverbrauchten Mädels aus aller Welt. Joachim, sein Diener
in der Villa ist sein zweiter Mann. Man verspricht den jungen Dingern
viel Geld wenn sie nur zwei Jahre durchhalten. Ab und an lassen sie auch
mal ein Mädel gut verdienen um nicht als unglaubwürdig da zu
stehen, aber die meisten bleiben bettelarm und verschwinden ohne das sie
jemals wieder gefunden werden. Manchmal finden wir eines der Mädels
am Strand. Sie sind von den Haien angefressen und bis zur Unkenntlichkeit
entstellt. " Bevor der Fremde weiter erzählen konnte, brüllte
ich ihn an.
"Das ist mir entschieden zu viel!" Das muß ich mir nicht
anhören?" Der Mann hielt meinen Arm fest umschlossen und zog
mich wieder neben sich. "Doch, das müssen Sie. Sie sollen mich
nicht unterbrechen habe ich vorhin gesagt. Ich muß gleich wieder
weg. Es ist zu gefährlich. Also hören Sie weiter zu. Als wir
erfuhren das Sie hier her kommen, mußten wir uns etwas einfallen
lassen um Sie zu schützen. Ihre Sonnenbrille ist mit einem Sender
ausgestattet. Wir haben sie im Bus ausgetauscht. Das ist nun leider nicht
sehr originell und Ihr Onkel ahnt bereits etwas. Wir haben Ihnen noch
ein mal die gleiche Brille besorgt. Ohne Sender. Sehen Sie zu, daß
Ihr Onkel diese in die Hand bekommt damit er die untersuchen lassen kann.
Dann ist er nicht mehr so mißtrauisch. Sie persönlich tragen
aber die mit dem Sender. So können wir Sie besser schützen.
In der Villa selbst haben wir auch ein paar Wanzen. Leider nicht überall.
Aber immer hin. Joachim ist ein Vollprofi. Es ist daher nicht leicht ihn
hinters Licht zu führen. Wenn Sie gehen nehmen sie die Muscheln mit.
Sie haben nur Muscheln gesammelt. Das nimmt Ihnen Ihr Onkel bestimmt ab.
Denken Sie daran, Sie sind nicht alleine. Irgendwo ist immer ein Mann
von uns. Bemühen Sie sich nicht unnötig ihn ausfindig zu machen.
Sie werden ihn nicht erkennen. Jetzt muß ich los. Wir sehen uns
wieder."
Der Mann ging zurück in das Wasser. Die letzten Meter zum Boot mußte
er schwimmen. Fast ohne Mühe kletterte er in das alte Fischerboot.
Bald darauf war er hinter der nächsten Biegung verschwunden.
Ich konnte mich nicht entschließen aufzustehen und zurück zu
gehen. Mein Blick fiel auf die wunderschönen Muscheln die der Mann
neben mir liegen ließ. Ich verstand die Welt nicht mehr. Es war
unmöglich das mein Vater mit Diamanten schmuggelte. Ich grübelte
und kam auf die bittere Erkenntnis das ich nicht einmal genau wußte,
womit mein Vater unseren Lebensunterhalt verdiente. Für mich war
er ein Geschäftsmann. Er machte Geschäfte. Aber welche, da habe
ich nie nachgefragt. Warum auch, ich war ein kleines Mädchen. Onkel
Fred war immer ein Abenteurer. Aber so etwas. Das ist doch viel zu hoch
angebunden. ... und wieso läuft er dann noch frei herum? Angeblich
weiß man doch so viel über ihn. Wieder dachte ich an den vergangenen
Abend. Ja, es waren junge, hübsche Mädels. Am Schluß waren
sie alle betrunken. Ich mußte wieder zugeben, daß auch ich
ahnte das etwas nicht stimmen konnte. Was passiert jetzt mit meinem Leben?
fragte ich mich. Ohne das ich es wollte begann ich zu weinen. Es sollte
niemand sehen und ich setzte meine Sonnenbrille auf. Da plötzlich
spürte ich die kleine Erhebung am rechten Bügel. Der Sender.
Es war kein böser Traum. Ich wurde überwacht. "Hallo, Sie
müssen schnell zurück. Ihr Onkel sucht Sie," hörte
ich eine Stimme an meinem Ohr. Dann sah ich die zweite Sonnenbrille im
Sand liegen.
Ich griff nach ihr und steckte sie in meine Badetasche. Das hier glaubt
mir kein Mensch, dachte ich und ziehe mir die Brille mit dem Sender vom
Kopf und tausche sie mit der anderen Brille aus. Mit verweinten Augen
gehe ich den Weg zurück.
Ruhig und gelassen sitzt mein Onkel da und schaut verträumt auf das
Meer hinaus. Das soll ein Diamantenschmuggler und ein Mädchenhändler
sein? Meine Gedanken überschlugen sich. Niemals! Mein Vater, der
immer für mich da war, der mir mein wichtigster Mensch im Leben war
soll ebenfalls ein Krimineller sein? Nein, nein, nein. Niemals! Ich kam
zu der festen Überzeugung das hier in diesem Land die Sonne entschieden
zu viel scheint und die Menschen einen nicht unerheblichen Schaden davon
trugen.
Onkel Fred sah mich und streckt mir die Arme entgegen. "Wo warst
du? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht?" Meine Nerven waren nicht
mehr die besten. Ich wollte unbedingt in den Arm genommen werden. Vor
ein paar Stunden war die Welt noch völlig in Ordnung für mich
und jetzt war ich die Tochter eines Diamantenschmugglers und die Nichte
eines Mädchenhändlers. Verängstigt stürzte ich mich
in die Arme meines zweifelhaften Onkels. "Ich weiß, große
und kleine Fische. Ich war Muscheln sammeln. Schau, was ich gefunden habe."
Ich zeigte ihm die Handvoll hübscher Muscheln. Verwundert über
meine Tränen nahm er jede einzelne Muschel in die Hand. "Deshalb
mußt du doch nicht heulen." Er streichelte zärtlich meinen
Kopf. Er unternahm nicht einmal den Versuch mich weg zu stoßen,
sondern er hielt mich ganz fest. Es tat mir unendlich gut. Ich wollte
unbedingt aufgefangen werden, wollte getröstet sein. Nur wie sollte
ich meinem Onkel meine Tränen erklären? Ich konnte ihm doch
unmöglich die Wahrheit sagen? Ich vergrub mein verheultes Gesicht
noch tiefer in seinen Hals. "Wollen wir mit den hübschen kleinen
Muscheln ein Schmuckkästchen
machen lassen? Die Leute haben geschickte Hände," versuchte
mich mein Onkel abzulenken. Es war mir klar, daß er überhaupt
keine logische Erklärung für meine so plötzlichen Tränen
hatte. Sicher war ich für ihn launisch, zickich wie alle jungen Mädchen.
Am liebsten hätte ich ihm alles erzählt. Alles das was mir in
den letzten Stunden passiert ist. Das was für mich immer unfaßbarer
wurde. Aber ich beruhigte mich und sagte: "Das ist eine gute Idee.
Ein Schatzkästchen aus Muscheln. Das ist wunderschön."
Dann zog ich meine Sonnenbrille von den Haaren und gab sie meinem Onkel.
"Die Bügel drücken hinter meinen Ohren, kannst du sie nicht
etwas biegen?" Ich sah seinen überraschten Blick. Damit hatte
er nicht gerechnet. Wenn das stimmte, was der alte Mann mit dem schwarzen
Schlapphut mir gesagt hatte, mußte meine Geste für ihn ein
Geschenk des Himmels sein. Er konnte also in aller Ruhe meine Sonnenbrille
nach einem Sender absuchen. "Na klar, Engelchen. Das machen wir sofort,"
sagte er und ich konnte heimlich beobachten wie seine langen Finger suchend
über die Brillenfassung glitten. Mit dieser Bewegung wurde meine
Seele zertrampelt. Ich stellte meine ganze Kindheit in Frage. Meine Freunde,
meine Eltern, meine Tante, meine Lehrer. Was wußten die alle, was
ich nicht einmal ahnte? War mein Leben, ein Leben mit Kriminellen? Wieder
überstürzten sich meine Gedanken. Was konnte ich tun? Ich liebe
meinen Onkel. Wieso erwartet man ganz selbstverständlich von mir,
daß ich ihn der hiesigen Polizei ausliefere? Wie komme ich denn
dazu? Dieser Mann ist doch kein Killer? Er würde mir nie etwas antun?
Warum auch? Als ich in der Ferne den schwarzen Schlapphut sah, stockte
mir der Atem. Wir mußten sofort weg von diesem Strand. Ich wischte
mir mit einem Tempotaschentuch die Nase. "Onkel Fred, ich habe Hunger.
Können wir essen gehen?" Mein Onkel steckte die Muscheln in
seine Brusttasche. "Genau das machen wir jetzt. Hier am Strand kann
man den tollsten Fisch der Welt essen. Komm laß uns gehen."
In einer Hand hielt Onkel Fred meine Sonnenbrille und die andere Hand
hielt mich fest. Ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen. Am
liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte ihn gebeten mich
auf den Arm zu nehmen. Ich zweifelt an diesem herrlichen Sommertag an
Gott und die Welt. Als wir auf dem Parkplatz ankamen war der Landrover
nirgends zu sehen. "Wo ist unser Wagen?" fragte ich Onkel Fred.
Er winkte ab. "Mach dir keine Sorgen. Er ist in der Werkstatt. Jetzt
fahren wir mit diesem BMW." Er zeigte auf ein dunkel blaues Auto.
"Mmmm," sagte ich und stieg ein. War das ein Ablenkungsmanöver
für die Polizei?
So sehr wie ich meinen Onkel jetzt brauchte, so mißtrauisch war
ich auch.
Das Mißtrauen bohrte sich unwiderruflich in meinen Kopf. Jedes einzelne
Wort zweifelte ich an. Als wir in das Auto stiegen, trat er das Gaspedal
bis zum Anschlag durch. Das Auto heulte auf und machte einen kraftvollen
Satz nach vorn. Ich wurde ebenfalls an die Windschutzscheibe gepreßt
und stieß mir meine Nasenspitze. Onkel Fred kümmerte sich nicht
um mich und behielt seine Geschwindigkeit bei. Ich war froh das uns kein
Fahrzeug entgegenkam. Mir fielen die Worte des alten Mannes ein, der sagte
überall wo Sie sind ist auch ein Kollege von uns. Ich fragte mich,
wo sollte hier wohl ein Kollege von ihm stecken? Unter meinem Sitz, im
Handschuhfach? Onkel Fred riß das Lenkrad hart herum, nahm die letzte
Kurve und kam vor einem alten Haus zum stehen.
Schadenfroh sah er mich an. "Na, Angst gehabt?" Ich wische mir
meinen Schweiß von der Stirn. "Wieso denn? Wenn ich Hunger
habe, fahre ich auch wie ein Henker." Ich stieg aus dem Wagen und
lief meinem Onkel hinter her. Der Gastraum war dunkel und angenehm kühl.
Kein einziger Gast war anwesend und ich suchte wieder den beschützenden
Kollegen. Eine alte Frau humpelte herein. Ihre Kleidung war alt und zerschlissen.
Sie roch nach Fisch. Ihre grauen Haare waren im Nacken zu einem Knoten
gebunden. Das faltige Gesicht und ihre kleinen Augen wirkten nicht gerade
sympathisch. "Jedes Mal bringst du uns eine Andere mit. Was soll
das?" Mit einem schmutzigen, grauen und ausgefransten Lappen wischte
sie unseren Tisch ab. "Das ist meine Nichte, Lara. Ich habe ihr gesagt
das ihr den besten Fisch auf der ganzen Welt habt. Also gib dir Mühe,
altes Haus." Onkel Fred zündete sich eine Zigarette an. Lara
humpelte in die Küche.
Wir hörten wie die Pfannen klapperten und wie ein Mann mit ihr sprach.
Dann brachte sie zwei Gläser Tee und stellte sie vor uns hin. "Hier,
ihr müßt noch warten. Der Fisch muß schließlich
erst gebraten werden." Mit ernsten Blick sah sie mich an. "A
ja, Nichte nennt man das. Fred wie viele Nichten hast du?" Onkel
Fred fand das nicht komisch.
"Lara, das geht dich nichts an. Stell nur weiter so blöde Fragen
und du hast einen Stammgast verloren." Die Frau nahm von nun an keinerlei
Notiz mehr von mir. Sie humpelte aus der Tür und ließ uns allein.
Mit wie vielen Mädchen war er schon hier? fragte ich mich. Bekamen
sie hier ihre Henkersmahlzeit, bevor er sie im Meer verschwinden ließ?
Ich trank den Tee. Er war lauwarm, unglaublich süß und bitter.
Aber schon nach ein paar Schlucke merkte ich das dieser Tee mir gut tat.
Onkel Fred rauchte seine Zigarette weiter, als er sich mit meiner Sonnenbrille
beschäftigte. Kraftvoll bog er an den Bügeln herum. Dann schob
er sie mir rüber und ich setzte sie auf. Das war also wieder die
Brille ohne den Sender. Niemand konnte mich warnen. Das kam mir alles
so grotesk vor. Ich sollte mich sicher fühlen, aber ich hatte immer
mehr das Gefühl das man mich gar nicht bewachen konnte. Vor wem auch?
"Sag mal Engelchen, wie erging es dir eigentlich nach dem Tod deines
Vaters? Wovon hast du gelebt? Wovon wird deine Ausbildung bezahlt?"
fragte mich mein Onkel. Das ist direkt, denke ich. Aber wieso sollte er
mich das nicht fragen. Schließlich haben wir uns Jahre nicht mehr
gesehen?
"Nach Vaters Tod begann eine echt schwere Zeit für mich. Ich
hatte niemanden mehr. Nicht einmal du warst da. Keiner wußte wo
du steckst. Erst kam ich in ein Heim, aber dann hat Tante Sonja mich aufgenommen.
Sie ist gut zu mir. Wir gehen oft an das Grab von Mutti und Papa. Sie
bezahlt meinen Unterhalt, ich bekomme noch eine Waisenrente und staatliche
Zuschüsse für meine Ausbildung. Das muß reichen. Wenn
ich mit meinem Jurastudium fertig bin, zahle ich Tante Sonja alles zurück.
Das habe ich mir geschworen." Plötzlich sah mich Onkel Fred
erschrocken an. "Juristin willst du werden? Wie lange dauert deine
Ausbildung noch?" fragt er mich. Das hat gesessen, dachte ich. Ob
er jetzt darauf kommt das ich kein rosa rotes Zimmer brauche? Eine Schwalbe
die wohl in diesem Gastraum ihr Nest hatte, flog dicht über unsere
Köpfe hinweg durch das offene Fenster nach draußen. Fliegen,
wie gerne würde ich auch fliegen können. Ich würde weit
weg von hier sein. Dort wo meine kleine Welt noch in Ordnung ist. Wo ich
den Menschen vertrauen kann, keine Brillen mit einem kleinen Sender tragen
muß. Ich mußte diese Brille auf meinem Kopf wieder auswechseln.
Also beschloß ich auf die Toilette zu gehen. Aber vorher sagte ich
: "Meine Ausbildung wird noch eine Ewigkeit dauern. Ich bin erst
im dritten Semester ."Onkel Fred sah mich forschend an. Sein Blick
war dabei sehr ernst und er trommelte unruhig mit seinen Fingern auf die
alte Holztischplatte. "Verbrecher willst du jagen? Sie lebenslänglich
verknacken. Ich finde Juristen sind hart gesottene Menschen. Die gehen
über Leichen. Diesen Job traue ich dir nicht zu, Engelchen."
Ich gebe mir mühe seinen ernsten Blick nicht auszuweichen. Tapfer
gucke ich ihn an. "Ich weiß. Rosa rote Schleifchen und rosa
rote Hausschüchen passen besser zu mir. Mein Schicksal ist bis heute
nicht sehr rücksichtsvoll mit mir umgegangen. Ich bin hart gesotten,
Onkelchen" Dann stehe ich auf und gehe auf die Toilette und tausche
die Brille aus "Das wird auch Zeit..." höre ich eine Frauenstimme
aus meiner Brille. "Wie sollen wir Sie beschützen wenn wir keine
Möglichkeit dazu haben." Ich bin erschrocken.
Also muß doch Jemand ganz in meiner nähe sein. Sogar eine Frau.
Vorsichtig öffne ich die Toilettentür. Niemand war zu sehen.
Nur ein altes Schaf stand auf dem Rasen vor dem Haus.
Toll denke ich und gehe wieder zurück an meinen Tisch.
Ich wollte nicht das mein Onkel mich für ein Weichei hält. Für
eine verwöhnte Göre, die nur auf Lippenstift und den passenden
Nagellack Wert legt. Ich wollte als Frau von ihm wahrgenommen werden.
Er nahm mich nicht ernst. Ich war verärgert und kehrte so in Gedanken
in die dunkle Gaststube zurück. Ich mußte wohl sehr komisch
ausgesehen haben, denn als mein Onkel mich sah, begann er herzhaft zu
lachen. "Mein Engelchen will kein rosa rotes Zimmer mehr. Sie wird
Rechtsanwältin, oder gar Staatsanwältin, wer weiß? Gnädige
Frau, das wird sofort geändert. Heute Abend hast du schon ein anderes
Zimmer. Ein Zimmer das einer angehenden Rechtsanwältin würdig
ist." Dabei stand er auf, richtete mir meinen Stuhl und machte eine
tiefe Verbeugung. Natürlich ging es mir nicht besser. Ich fühlte
mich von meinem Onkel veralbert. Was muß ich für eine lächerliche
Person abgeben, fragte ich mich. Das Zimmer war mir inzwischen völlig
egal. Erneut zündete sich Onkel Fred eine Zigarette an. "Darf
ich auch eine haben?" fragte ich. Er sah mich lachend an. "Was?
Du willst rauchen?" Das muß jetzt sein, dachte ich.
Es muß doch Irgendwas geben was mich in seinen Augen als erwachsene
Frau erscheinen läßt. "Ja, wundert dich das? Was soll
ich sonst machen wenn wir hier sitzen und reden? Strümpfe stopfen?"
Onkel Fred ärgerte sich. Sein Blick war böse auf mich gerichtet.
In diesem Augenblick ging die Tür auf und die alte Frau brachte uns
eine große Schüssel mit dampfenden Muscheln. Dazu stellte sie
uns eine streng nach Knoblauch riechende Soße auf den Tisch. In
einem kleinen geflochtenen Korb lag Ofen warmes Brot. "Der Fisch
kommt wenn er fertig ist. Das dauert noch eine Weile." Dann schlürfte
die Alte wieder aus den Raum.
Wir begannen zu essen und es schmeckte nach frischem Meer und Seetank.
Es war einfach köstlich und als der Fisch serviert wurde, waren meine
Sorgen wieder mal wie weg geblasen. Onkel Fred war der Größte.
Als er dann noch Joachim anrief und ihn bat meine Sachen aus dem rosa
roten Zimmer zu holen und mir ein anderes Zimmer zu geben, war ich mit
der Welt ausgesöhnt. Nach dem Essen machten wir noch einen wunderschönen
Ausflug in die herrliche Umgebung.
Soweit mein Blick reichte, waren nur das blaue Meer und der weiße
Strand. Ich genoß die fremde Welt in vollen Zügen. Wir durchfuhren
kleine Orte die oft nicht mehr als sieben oder acht Häuser hatten.
Viele Schafe weideten auf saftigen Wiesen. Das Land duftete nach Rosmarien
und Lavendel. Alles war so märchenhaft. Nichts schien hier böse
zu sein. Erst bei Einbruch der Dunkelheit kehrten wir in die Villa zurück.
Ich fühlte wie Joachim mich seit unserer Ankunft beobachtete. Seine
mit Gel gesteilten
Haare waren aalglatt. Er duftete nach einem sehr aufdringlichen Herren
Parfüm. Äußerst korrekt gekleidet und stocksteif lief
er vor mir die Treppe hinauf. Ich fühlte mich unsicher in seine Nähe.
Er war der typische Killer, dachte ich. Kalt und unberechenbar. So kam
es dann auch, daß ich die letzte Stufe auf der Treppe übersah.
Ich fiel hin und fühlte einen stechenden Schmerz in meiner rechten
Hand. Onkel Fred stand sofort neben mir. Vorsichtig kontrollierte er die
verletzte Hand. "Engelchen, die ist gebrochen. Du kannst nicht mehr
schwimmen gehen." Er telefonierte mit dem Hausarzt der auch gleich
kam. Nur kurz untersuchte er meine Hand. Die Diagnose war die Gleiche
wie die meines Onkels. "Die Hand ist gebrochen, junge Dame,"
sagte er freundlich. "Aber bis zur Hochzeit ist alles vorbei."
Ich war sauer. Ich gab Joachim die Schuld, obwohl ich genau wußte
das es ungerecht war. Ich war nervös. Ich wußte die Dinge vom
Tag nicht richtig einzuordnen. Der kleine Mann, mit dem schwarzen Schlapphut,
mein Onkel ein Krimineller, mein Vater ebenfalls kriminell. Bevor mir
aber wieder nach diesem wunderschönen Tag die Tränen kamen,
verabschiedete ich mich schnell von den beiden Männer. Ich war erschöpft
und wollte allein sein. Wieder nahm ich mir vor, viel früher als
geplant abzureisen. Soll die Polizei doch ihre Diamantenhändler alleine
jagen. Ich mache da nicht mit und schon gar nicht werde ich meinen Lieblingsonkel
ausliefern.
Dann schlief ich fest ein.
Fred sagte nichts, sonder guckte nur interessiert auf
einen dicken Diamanten.
"Hast du ihn schon gewogen, Joachim? fragte er. "Dreihundertzwanzig
Karat," antwortete er. Der Diamant bedeckte die Innenfläche
seiner Hand. Die Spaltfläche war glatt und sauber. Fred war sehr
zufrieden. Es gab sicher andere, größere Diamanten, aber dieser
hier war das heitere Blau eines Sommerhimmels. Dieser Stein brachte eine
Menge Geld ein. Joachim legte den Stein wieder auf den Tisch zurück.
"Wo wir diesen Stein gefunden haben, gibt es sicher noch mehr. In
Gedanken versunken gruppierte er die vielen kleinen Steine um den großen
Blauer herum. "Wir müssen das unseren Boß mitteilen. Er
muß wissen wie reich dieses Feld ist, bevor wir irgend etwas falsch
machen. Er trifft die richtige Entscheidung, denn er ist ein ganz Schlauer.
"Was machen wir jetzt," fragte Fred. "Den großen
Blauen können wir nicht den üblichen Weg gehen lassen. Er ist
viel zu kostbar. Wir behalten ihn erst einmal hier und übergeben
ihn einzeln. Erst dann werden wir ihn anmelden." Fred schwieg. Die
Entscheidung paßte ihn nicht. "Joachim, die Zahlungen für
die Mädchen sind in drei Tagen fällig. Woher willst du das Geld
nehmen. Dieser Stein ist unser Glück. Wenn wir den verkauft haben,
zahlen wir den Polen aus und sind alle Sorgen los. Wir können dann
nur noch Gewinne machen."
Joachim nahm seinen hellen Hut ab und warf ihn auf den Tisch. Sein Tonfall
war kühl und arrogant. "Reden wir über Grundsätzliches.
Du hast mir schon einmal durch deine Verwandtschaft ein Geschäft
kaputt gemacht. Aber Gott sei Dank bin ich in der Lage logischer als du
zu denken. Der Pole kann immer noch bezahlt werden. Außerdem bekam
er gestern eine große Anzahlung für die Mädchen. Vielleicht
sind die jungen Dinger nur alles Luschen. Dann bringen sie uns kein gutes
Geld ein. Wer weiß das schon. Memmet hat jedenfalls nur Ärger
mit ihnen. Kann passieren das wir einen großen Teil entsorgen müssen.
Das kostet. Du weißt das."
Fred paßte dieser Ton nicht. "Das Haus ist auf meinem Namen
eingetragen. Ich muß das Geld bezahlen. Wenn wir das los werden,
dann haben wir keine Zentrale mehr und wir fangen wieder von vorne an.
Vergiß das nicht!"
Joachim winkte ab. "Das Geld ist da. Das andere Geld wird langsamer
gemacht. Wir haben sehr viel Zeit. Tu mir lieber einen Gefallen und kümmere
dich um deine Nichte. Deine Schulden sind beträchtlich. Wenn du nicht
zahlst, werden die immer mehr." Joachim nahm sich ein Wasser. "Übrigens,
wir waren bei deinem Bruder auf dem Friedhof. Das Grab ist in Ordnung.
Kein Geld, nichts. Alles sauber. Also bitte, deine Nichte ist jetzt dran.
... und das ein bißchen plötzlich."
Fred war wütend. Sein Verstand der ein Problem immer sehr schnell
erfaßte, schien wie gelähmt. Es ist nicht so wie er es geplant
hatte. Joachim machte Druck. "Ich habe dir schon ein paar Mal gesagt
das meine Nichte keinen blassen Schimmer von dem Geld hat. Sie ist viel
zu naiv. Ich brauche noch ein paar Tage." Fred wußte genau
das mit Joachim nicht zu spaßen war. Wird er ungeduldig, kann eine
Menge passieren. Er mußte ihn noch hinhalten. Fred war der festen
Überzeugung das seine Nicht keinen blassen Schimmer von dem Geld
ihres Vaters hatte. Aber Sonja, die müßte etwas wissen. Er
hat die Falsche eingeladen. Joachim schaut ihn provozierend an. "Hoffentlich
legt sie ihre Naivität dann ab wenn du wieder in den Knast wanderst."
Fred haut mit der Faust auf den Tisch. "Laß das sein, mein
Lieber. Bis jetzt haben wir gut zusammen gearbeitet. Jeder ist zu seinem
Geld gekommen. Das mein Bruder mich bescheißt und dann noch plötzlich
stirbt, kann keiner wissen. Vom Geschäft mit den Mädchen bekommst
du doch schon den Löwenanteil. Ich kann nicht zaubern. Laß
uns diesen Diamanten verkaufen und ich kann dir meine Schulden zurückzahlen."
"Träume weiter Jumbo," sagte Joachim. "Du kennst die
Regeln. Entweder das Geld oder das Leben deiner süßen Nichte.
Nur Blut kann dir deine Schulden tilgen. Der Diamant wird erst dann verkauft,
wenn ich es für richtig halte."
Freds Stimme bebte vor Wut. Sein Gesicht war blaß vor Jähzorn.
Er brüllte Joachim an. "Laß das Mädel aus dem Spiel.
Du wolltest dich nur selbst davon überzeugen das sie nichts mit diesem
Geld zu tun hat. Deshalb habe ich sie hier her gelockt. Denke immer daran,
du steckst genauso wie ich in dieser Scheiße. Krümmst du ihr
nur ein Haar, bringe ich dich um."
Fred verließ aufgeregt die kleine Hütte am Strand. Der Wind
wehte etwas kräftiger als am Mittag. Er stieg in sein Landrover und
die Reifen quietschten beim anfahren. Schnell kamen die Kurven der menschenleeren
Landstraße auf ihn zugeflogen und er erkannte nur schattenhaft die
Bäume die vereinzelt am Straßenrand standen. Die Scheinwerfer
schnitten weiße Bahnen in die Dunkelheit, und die Straße zog
sich endlos lang. Dieser blaue Diamant war mehr als eine Million wert.
Joachim betrog ihn wie sein Bruder damals, schoß es Fred durch den
Kopf. Wieso glauben alle die könnten es mit mir machen? Wie viele
Diamanten von denen er nichts ahnte lagen noch irgendwo versteckt? Er
ist für seinen Bruder mit in den Knast gegangen. Er wollte das die
Kleine nicht auch noch ihren Vater verliert. Er hat ihm im Knast hingehalten
und ihn versprochen wenn er raus kommt, bekommt er seinen Anteil. Er hat
das Geld in einem sicheren Versteck. Als er dann nach vier Jahren entlassen
wurde, verstarb sein Bruder einen Tag vor seiner Entlassung. Nun hatte
niemand mehr eine Ahnung wo das Geld versteckt war. Er hatte aus dem Knast
heraus Geschäfte mit Joachim gemacht. Er wollte bezahlen, aber das
Geld war weg. Nein, Joachim wird diesen riesen Diamanten nicht auf Halde
legen, er wird ihn verkaufen müssen, denn ich bestehe auf meinen
Anteil, dachte Fred. Wer weiß wann wir wieder einen solches Prachtexemplar
finden?
Als er in der Villa ankam, rannte er sofort in sein Zimmer. Er ging an
einen feinen Intarsienschrank, nahm einen langen Lederkasten heraus und
öffnete das Schloß. Da lag sie sein Baby. Fast zärtlich
streichelte er über sie hinweg. Dann entnahm er diesem Lederkasten
eine nagelneue M 21. Es war ein tolles Gewehr. Mit dem genauen Zielfernrohr
konnte er auf weite Entfernungen hin präzises Schüsse abgeben.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo er dieses Ding immer griffbereit
bei sich tragen wird.
Ich wollte diese Sonnenbrille nicht mehr. Es war nicht
mehr die schicke Brille die ich mir am Flughafen ausgesucht hatte. Sie
drückte mich jetzt wirklich und sie lastete auf meiner Seele. Ich
wehrte mich jeden Tag auf`s Neue meinen Onkel als Killer zu akzeptieren.
Ich nahm mir vor, mich noch einmal mit dem alten Mann zu treffen. Ich
wollte ihm mitteilen, daß ich nicht daran denke ihnen meinen Onkel
auszuliefern. Ich liebe ihn und niemand auf der Welt kann mich zwingen
gegen ihn zu arbeiten. Tief in meinem Herzen spürte ich das er mich
niemals umbringen wird. Auch ich bin für ihn ein Stück weit
sein Zuhause.
Joachim kam mir im Park entgegen. "Na kleine Lady, wie geht es der
Hand?" Flüchtig winkte ich ab. "Danke. Es juckt fürchterlich,
aber was juckt heilt zusammen." Joachim nickte. "Soll ich die
Lady mit in die Stadt nehmen? Dort ist es nicht so langweilig wie hier
in der Villa." Eigentlich hatte ich Angst vor Joachim. Er war für
mich der geborene Killer.
Er mit seiner langen Hakennase und seinen großen Ohren. Er, der
immer so glatt und schmierig daher kam. Ihm traute ich vieles mehr als
meinen Onkel zu. Trotzdem sagte ich ihm zu gemeinsam mit ihm in die Stadt
zu fahren. Ich mußte mich mit der Polizei treffen und das konnte
ich nun mal nicht hier in der Villa.
Joachim hatte seinen eigenen Wagen. Er fuhr einen weißen Porsche.
Nobel geht die Welt zu Grunde, dachte ich mir als ich einstieg. Auf meinem
Sitz lag eine schwarze Tasche. Ich mußte sie auf meinen Schoß
nehmen als ich Platz nahm. Joachim startete den Wagen. Der Motor heulte
auf und gleichzeitig gab dieser Verrückte Vollgas. IJetzt fand ich
das keine gute Idee mehr mit Joachim mitgefahren zu sein. Joachim raste
durch das große Parktor und ohne sich nach rechts und links abzusichern
fuhr er wie ein Selbstmörder auf die enge Straße die von der
Villa wegführte. Dann piepte es leise an meinem Ohr. "Bitten
passen Sie auf die schwarze Tasche auf. Versuchen Sie die Tasche nach
dem Anhalten neben das Auto zu stellen und laufen Sie schnell weg."
Hörte ich eine leise Stimme an meinem Ohr. Ich sah die schwarze Tasche
an und befühlte sie vorsichtig. Ich entdeckte nichts Außergewöhnliches
an ihr. Wo ist nur der Polizist der mir die Anweisungen gibt. Wir rasten
ganz alleine auf dieser Straße. Kein Auto, kein Mensch weit und
breit. Als ich aus dem Fenster gucke sehe ich hoch über uns einen
kleinen Hubschrauber fliegen. Da muß die Polizei drin sein, dachte
ich mir.
Wir werden genau aus der Luft beobachtet. Als die kleine Stadt zu erkennen
war, drosselte Joachim sein Tempo. Ich war froh. Dann hielt er plötzlich
auf einem Parkplatz vor der Stadt. "Lady, ich muß Sie bitten
hier für einen kurzen Moment auszusteigen," sagte Joachim. "Ich
bin in sechs Minuten wieder hier und fahre Sie anschließend zu ihrem
Ziel." In dem weißen Porsche sitzt man nicht sehr weit auseinander.
Ich fragte mich in diesem Augenblick wie ich die schwarze Tasche neben
das Auto stellen sollte ohne das Joachim etwas bemerkte? Ich kam auf keine
vernünftige Lösung, außer es einfach zu tun. "Sechs
Minuten kann ich gut verkraften," sagte ich, öffnete die Tür
und ohne die Tasche aus der Hand zu lassen, ließ ich sie einfach
auf den Parkplatz fallen. Es hat tatsächlich geklappt. Joachim bemerkte
es nicht sofort. Ich wußte nicht wohin ich laufen sollte, sondern
versteckte mich einfach hinter einen Busch der am Wegesrand stand. Jetzt
kam Joachim zurück. Als er die Tasche sah, bremste er, öffnete
die Fahrertür und griff nach dem Gepäckstück. In diesem
Moment hatte ich das Gefühl das hinter jeden einzelnen Baum ein Polizist
stand. So viele bewaffnete Polizisten hatte ich noch nie gesehen. "Halt,
lassen Sie die Tasche fallen... Hände hoch, an den Wagen... !"
Die Männer brüllten aus Leibeskräften. Der kleine Mann
mit dem schwarzen Schlapphut ging auf Joachim zu und nahm ihn die Tasche
weg. Dann klopfte er Joachim auf die Schulter und sagte:" Das Ende
der Fahnenstange ist erreicht, Junge. Sei unser Gast.
Für ein paar Jahre freie Kost und Unterkunft." Joachim antwortete
nicht. Er sah sich um und ich wußte das er mich suchte. Er fand
mich aber nicht. Bevor er mit Handschellen in eines der Polizeiwagen hinein
gedrückt wurde schrie er noch ein letztes Mal. "Ich wußte
das die Lady uns verrät. Ich hätte sie schon längst umbringen
sollen!"
Dann fuhr das Polizeiauto mit ihm fort und ich kam langsam hinter meinen
Strauch vor. Der kleine Mann lächelte mich freundlich an und reichte
mir die Hand.
"Das was ich für Sie tue sind verdeckte Ermittlungen. Sie beschützen
mich nicht, sondern ich liefere Ihnen die Verbrecher frei Haus."
Der Alte nickte mit dem Kopf.
"So sieht es wirklich für Sie aus. Das gebe ich zu. Aber das
hier, war nur ein Kinderspiel." Ich wollte eine Zigarette rauchen.
Umständlich kramte ich in meiner Tasche. Ich fand aber keine und
mußte alles weitere so durchstehen. "Wie komme ich jetzt noch
in die Stadt und wie wieder nach Hause? Ich kann doch sicher schlecht
mit einem Polizeiauto vorfahren. Außerdem was erzähle ich meinen
Onkel wenn er
nach Joachim fragt. ... und was war in dieser Tasche drin, auf die Sie
so wild waren?"
Ein junger Polizist reichte uns einen Becher mit kühlem Wasser. Der
Alte hielt ihn fest.
"Darf ich Ihnen Frenk vorstellen. Das ist der Hübscheste von
uns allen. Er wird Sie begleiten. Sie geben Ihn als Ihren Freund aus.
... und in der Tasche war Kokain im Wert von 150.000,00 Euro. Das reicht
um Joachim für viele Jahre hinter Gitter zu bringen. Jetzt brauchen
wir nur noch die Diamanten. Dafür scheint Ihr Onkel Spezialist zu
sein. Er hat Schulden bei Joachim. Also muß Ihr Onkel in aller kürzester
Zeit Geschäfte machen. Ich weiß das sie Diamanten gefunden
haben." Mir paßte es nicht wie der Mann über meinen Onkel
Fred sprach. Für ihn mag er ja ein Diamantenhändler sein, aber
für mich nicht. Böse fuchtelte ich mit meinem Gipsarm in der
Luft herum. "Ich mache nicht mehr mit. Jagen Sie doch Ihre Verbrecher
selber. Ich liebe meinen Onkel und ich liefere ihn nicht aus." Der
Alte sah seinen Kollegen an. Der wendete sich von uns ab und ging zu einem
Kombi der nicht weit von uns geparkt war. Der Alte legte fürsorglich
seinen Arm um meine Schulter und wir gingen gemeinsam seinen jüngeren
Kollegen nach. Dieser stand an der Heckklappe und öffnete sie als
wir vor dem Wagen standen. Ich sah eine alte Metallpritsche auf der etwas
menschliches zugedeckt lag. Der Alte nickte seinen Kollegen zog die Decke
langsam zurück. Noch nie hatte ich so etwas Grausiges gesehen. Das
was dort lag, war kaum noch als Mensch zu erkennen. Der Körper war
zur Hälfte von irgendwelchen Tieren angefressen und zur anderen Hälfte
ging er langsam in Verwesung über. Es stank fürchterlich. Das
was ich genau erkennen konnte, war ein hübsches weißes Kleid.
Dieses Kleid kannte ich von der Party in unserer Villa.
Es war also anscheinend ein Mädchen was bei uns gefeiert hat. Es
war das Mädchen das geflohen war. Angewidert wendete ich mich ab.
Ich hörte wie die Hecktür wieder zurück in`s Schloß
fiel. Der alte Mann streichelte beruhigend meinen gesunden Arm. "Wir
sind ganz sicher das Ihr Onkel seine Finger mit im Spiel hat. Helfen Sie
uns bitte ein letztes Mal." Ich begann zu weinen. "Wieso konnte
ich nicht woanders Urlaub machen? Das hier ist kein Urlaub, sondern eine
Folter."
"Helfen Sie uns?" fragte der Alte noch einmal. Obwohl ich immer
noch nicht von Onkel Freds Schuld überzeugt war, nickte ich . Der
Alte küßte mich auf die Stirn. "Sie sind tapfer. Ich habe
große Achtung vor Ihnen. Nun gehen Sie mit meinem Kollegen, er wird
Sie beschützen." Der junge Mann ging mit mir zum Porsche. "Zuerst
fahren wir in die Stadt. Wir müssen abschalten." Mir war zu
diesem Zeitpunkt alles gleich. Am liebsten wäre ich nach Hause geflogen.
Aber ich mußte hier eine Sache in Ordnung bringen, mit der ich mich
völlig überfordert fühlte. Der Polizist wendete den Wagen
und wir fuhren mit einem angemessenen Tempo in die kleine Provinzstadt
am Meer.
Es ist früher Nachmittag. Die Sonne denkt noch gar nicht daran unter
zu gehen.
Mir war heiß und ich hatte schlechte Laune. Das tote Mädchen
ging mir nicht aus dem Kopf. Um etwas Abkühlung zu bekommen entschließe
ich mich zur Brücke zu gehen. Als ich dort angekommen bin, lehne
ich mich an das Brückengeländer und beobachte die vielen Touristen.
Der frische Wind tut mir gut. Der junge Polizist an meiner Seite entdeckt
ein kleines Kaffee an der Mole. Wir schlenderten wie ein verliebtes Paar
dort hin. Plötzlich packte mich jemand von hinten kräftig an
meine Schultern.
"He Engelchen, steig sofort in mein Wagen!" hörte ich die
drohende Stimme meines Onkels hinter mir. Ich erschrak. Er öffnete
seine Wagentür und zeigte mir das ich sofort einsteigen sollte. Der
Polizist wollte mit. Ich stellte ihn meinen Onkel vor, aber der ließ
es nicht zu das dieser Mann mich weiter begleitete. "Engelchen, du
weißt ich habe dich sehr lieb, "sagte er. "Dieser Komiker
bleibt hier. Ich muß dich schnellstens aus der Stadt bringen. Der
nächste Flieger ist deiner. Du mußt sofort weg von hier."
Wir kamen nur langsam durch den dichten Straßenverkehr. Überall
hupten die Autos. Ich hatte das Gefühl hier ging alles drunter und
drüber. In diesem Land existierte keine Straßenverkehrsordnung.
So chaotisch wie sich der Straßenverkehr zeigte, so chaotisch waren
meine letzten achtundvierzig Stunden in diesem Land. Onkel Fred schimpfte.
Als wir endlich vor der Stadt waren hielt er an und stieg aus. "Paß
auf Engelchen. Ich muß dir etwas beichten. Wir haben nicht viel
Zeit und du darfst mich nicht unterbrechen." Das kam mir sehr bekannt
vor. Ich war also langsam daran gewöhnt die Männer bei ihren
Ausführungen nicht zu unterbrechen.
Ich sah meinen Onkel neugierig an. "Bitte Onkel Fred, leg los!."
Onkel Fred erzählte mir alles das was ich durch den kleinen schwarzen
Mann schon wußte. Er lies nichts aus. Auch nicht die Tatsache das
er mich umbringen sollte. Obwohl alles ganz fürchterlich für
mich war, wußte ich jetzt genau das mein Lieblingsonkel ehrlich
zu mir war. Ich hatte keine Angst vor ihm.
Als ich immer noch in sein freundliches Gesicht blickte, wußte ich
das dieser Mensch mich niemals umbringen konnte. Und so war es auch. Er
gab mir einen alten Sack in den ich hinein kriechen sollte. Er sagte mir
das er mich in den Kofferraum verfrachten wird. Danach würde er ein
paar Mal in die Luft schießen. Mein Onkel ahnte das er beobachtet
wurde. Was er nicht wußte war, daß es nicht sein Kumpel Joachim
war, sondern die Landespolizei. Wenn das geschafft war, wollte er mich
zu einem Privatflughafen fahren. Dort wartet ein Hubschrauber der mich
anschließend außer Landes bringen sollte. Das war sein Plan.
Unter Tränen erzählte ich ihm das ich schon lange alles wußte.
Erschrocken sah er mich an. Die nächste Frage, von wem, stellte er
mir nicht mehr. Er hatte Tränen in seinen Augen. Ein letztes Mal
streckte er seine Arme nach mir aus um mich fest an sich zu pressen. Dann
küßte er mir zärtlich auf beide Wangen."Werde eine
gute Anwältin, Engelchen und bringe alle Verbrecher der Welt hinter
Gitter," Dann stieß er mich von sich, schoß viermal in
die Luft und ich kroch in den alten Sack. Er band ihn zu hob ihn in den
Kofferraum . Ich hörte wie er den Motor anließ und erst jetzt
war mir bewußt, wie sehr ich meinem kriminellen Onkel ausgeliefert
war. Ich hörte plötzlich eine mir völlig fremde Männerstimme.
Dieser Mann bestand darauf in den Sack zu gucken um zu sehen ob ich wirklich
tot bin. Ich bekam furchtbare Angst. Dann fühlte ich eine Hand an
der Sacköffnung. Dicht neben mir knallten Schüsse. Ich spürte
eine warme Flüssigkeit auf meinen schwitzenden Körper. Ich stellte
fest das es Blut war. Panik überfiel mich, denn ich wußte in
diesem Augenblick nicht, wessen Blut das war. Ich versuchte mich zu befreien.
Es gelang mir nicht sofort. Eine helfende Hand schnitt den Sack auf. Ich
blickte in das Gesicht des alten Mannes mit dem schwarzen Schlapphut.
Ich atmete auf. "Wo ist mein Onkel," wollte ich wissen. Mit
seinem Taschentuch wischte der Alte mir den kalten Angstschweiß
von der Stirn.
"Kommen Sie es ist alles vorbei. In unserem Land ist es Sitte die
Toten noch am gleichen Tag zu beerdigen. Wir haben alles arrangiert. Dann
hielt ein alter Ford neben mir und der junge Polizist stieg aus. Er nahm
meine zitternde Hand und hielt sie fest. Ich folgte ihn ohne mich noch
einmal umzublicken. Dann blieb ich stehen. "Die Beerdigung, ich möchte
Abschied nehmen." Der junge Beamte nickte. "Gut, wir fahren
auf den Friedhof." Ich fühle mich allein, obwohl ich gut beschützt
bin.
Kurz vor der Ohnmacht stand ich am Grab meines Onkels. Ich blickte mich
um und sah
dieses Männchen mit dem schwarzen Hut, den
er immer wieder festhalten mußte. Wie lächerlich. Verstehen
kann man ihn schon gar nicht, dafür weht der Wind aus der falschen
Richtung und zu böig. Verwundert blicke ich mich um. Hatte Fred wirklich
so viele Freunde und Bekannte. Achtlos stehen sie auf angrenzenden Gräbern,
die wenigen Pflanzen zertrampelnd. Zwei Polizisten in Uniform und Spiegelbrille
verharren in einiger Entfernung, regungslos. Das Männchen mit dem
Hut kommt auf mich zu, gibt mir die Hand, murmelt etwas mit gesenktem
Blick. Ich muss ihm die Linke entgegenstrecken. Die Schmerzen im bandagierten
rechten Arm sind auch nach beinahe einer Woche sehr gegenwärtig.
Ein Klagelied erhebt sich über dem Friedhof vom böigen Wind
zerfleddert, schön und traurig. Tränen steigen mir in die Augen.
Warum Warum Warum. Stark bleiben, nur jetzt keinen Schwächeanfall.
Die Leute schauen zu mir rüber.
Zwischen Sträuchern etwas abseits des frisch ausgehobenen Grabes
sehe ich ihn. Offensichtlich beobachtet er mich schon länger. Ein
Gefühl grosser Dankbarkeit durchströmt mich mit Wärme.
Ich hebe leicht die linke Hand zu einem angedeuteten Gruss, den er auch
prompt erwidert. Ein Lächeln umspielt seine Lippen.
Diesmal nehme ich das Taxi zum Airport. Es darf jetzt nichts mehr schief
gehen. Ich muss weg! Sehr schnell weg! Erst im Flieger werde ich mich
wieder sicher fühlen.
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