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Unheimliche Typen", denke ich. "Wo die wohl hinwollen? Hoffentlich steigen sie vor mir aus". Aber das Schicksal meint es nicht gut mit mir. Die Stationen huschen vorbei und ehe ich mich versehe, sind wir in der Churchstreet. Die beiden schmuddelig aussehenden Männer steigen aus. Ich etwas zögerlich hinterher. An der Haltestelle sehe ich mich kurz um, bloß nicht den Eindruck erwecken, dass ich Angst habe. Die beiden Typen sind immer noch da. Merkwürdig. Onkel Fred ist auch nicht in Sicht. Ich hoffte, er sei wenigstens an der Haltestelle, um mich dort abzuholen. Na gut. Gehe ich eben allein zu seinem Haus. Ich wende mich nach rechts und gehe festen Schrittes die Straße entlang. Die Häuser werden immer weniger. Neben mir hält ein Taxi. Der Fahrer fragt, wohin er mich bringen könne. Misstrauisch schaue ich ihn an. Ein hässlicher zu kurz geratener Typ mit strähnigen dunklen Haaren. Eine Zigarette hängt aus seinem zu schmalen Mund. Der Wagen passt zu ihm. Überall Rostflecken und Farbe hat er auch nicht mehr viel. Nach den noch bedeckten Lackstellen zu urteilen, muss der Wagen dunkelblau gewesen sein. Viel ist jedenfalls nicht mehr davon zu sehen. Das Modell ist ebenfalls nicht mehr zu identifizieren. Das einzig Neue an dem Auto ist das Schild "Taxi", welches auf dem Dach leuchtet. "Ich habe es nicht weit", sage ich kurz angebunden.
"Das Stück gehe ich zu Fuß." Am Ende der Straße muss ich noch ein gutes Stück
über einen Feldweg laufen, bis ich endlich eine große Villa
sehe, die von alten Eichenbäumen umgeben ist. "Onkel Fred?" rufe ich ängstlich krächzend. "Bist du da?" Keine Antwort. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und ich erkenne eine Petroleumlampe, die auf einem kleinen Tisch neben der Haustür steht. Meine Tasche stelle ich achtlos zur Seite. Ich nehme die daneben liegenden Streichhölzer und zünde die Lampe an. Erst jetzt bemerke ich, wie lang der Flur ist. Links und rechts erstrecken sich mehrere Türen. Eine Treppe führt hinauf in die oberen Etagen. Mit weichen Knien gehe ich die knarrende Treppe hoch. Immer wieder um mich blickend, ob mir wirklich niemand folgt. Warum ich gerade die Treppe nehme, statt zuerst in den unteren Räumen nachzusehen, weiß ich auch nicht. Aber irgendwie zieht sie mich magnetisch an. Es ist wie ein Zwang. Ich muss es einfach tun. Je höher ich gehe, desto mehr begegnen mir dicke, alte Spinnweben. Zwischendurch rufe ich nach Onkel Fred. Schließlich stehe ich auf dem Dachboden, voll gestopft mit altem Gerümpel. Onkel Fred ist ja nicht gerade ordnungsliebend. Durch das große Fenster scheint der weiße Mond und taucht den Dachboden in ein unheimliches Licht. Eine Maus flitzt über meine Füße. Igitt! Als mein Blick so über die Möbel schweift, entdecke ich eine kleine silberne Schatulle mit hübschen Verzierungen. Ihr Glanz zieht mich magisch an. Langsam öffne ich sie. Unerwartet werde ich von einem hellen Lichtstrahl geblendet. Vor Schreck stoße ich die Petroleumlampe um, die zu allem Unglück auch noch erlischt. Gebannt starre ich die Silberdose an. Aus ihr strömt ein überirdisches helles Licht. Bestimmt ist es meilenweit zu sehen. In diesem Moment wird mir klar, dass es auch die zwei Männer aus dem Bus sehen könnten, oder weiß wer noch alles. Rasch klappe ich den Deckel zu und Dunkelheit hüllt mich wieder ein. Fieberhaft überlege ich, was ich jetzt tun soll. Ich beschließe, die Dose mitzunehmen und in der Villa zu übernachten. Besser, als in der Finsternis zurück in die merkwürdige Stadt zu gehen. Also, wieder Treppe runter. Gott sei Dank habe ich immer ein Feuerzeug dabei, das mir jetzt etwas Licht spendet. Unten angekommen, entdecke ich die Küche. Mal sehen, ob es etwas Essbares gibt. Im Vorratsschrank finde ich Brot und eine Flasche Rotwein. Besser als nichts. Neben der Küche ist ein kleines Wohnzimmer. Ich mache es mir mit Brot und Wein auf dem abgenutzten Sofa bequem. Die Uhr schlägt halb zwölf. Bald ist Mitternacht. Nach ein paar Gläsern, betäubt mich der Alkohol und ich schlafe ein. Was war das? Erschreckt fahre ich hoch. Zwölf Uhr.
"Erlöse uns! Erlöse uns von dem Fluch! Deine Belohnung soll großzügig sein. Erlöse uns!" Dann klappt die Dose wieder zu. Mir zittern die Hände. Wen soll ich erlösen? Und was für eine Belohnung? Eigenartig. Die Schatulle öffnet sich noch zweimal mit denselben Worten. Dann ist es ein Uhr und die Geisterstunde vorbei. Den Rest der Nacht kann ich nicht mehr schlafen. Rastlos gehe ich auf und ab. Im Morgengrauen entscheide ich, meine kleine Reisetasche
zu nehmen und aus dem alten Gemäuer zu verschwinden. Vielleicht können
mir die Leute in der Stadt sagen, was mit Onkel Fred ist. Ich muss ihn
unbedingt fragen, was es mit der Dose auf sich hat. Keine Ahnung, wie lange ich durch den Wald laufe. Als
ich kurz vorm Aufgeben bin, sehe ich eine kleine Holzhütte. Aus dem
Kamin steigt Rauch. Endlich! Endlich eine menschliche Seele. Ich laufe
auf die Hütte zu, klopfe und trete ein. Aber was ich dann sehe, lässt
mein Blut gefrieren. Das Männchen sieht mich durchdringend an. Mir bleiben die Worte im Hals stecken. Nach dem ersten Schreck, frage ich ihn nach dem Weg aus dem Wald. Aber statt zu antworten, erkundigt er sich nach der letzten Nacht in der Villa. Wie sie war, und ob ich etwas gefunden hätte. Ich stutze. Woher weiß er, wo ich übernachtet habe? Und wieso gefunden? Meint er die Dose? Als ich nicht antworte, fährt er fort, ich solle mich in Acht nehmen und vorsichtig sein. Besonders vor zwei Männern, die nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Überall lauere Gefahr. Und ich solle ja nicht die Silberdose verlieren. Zu gegebener Zeit würde ich mehr erfahren. Dann erklärt er mir den Weg, um wieder auf die Hauptstraße zu gelangen. Während ich aus der Hütte gehe, wünscht er mir viel Glück und dass wir uns bald wieder sehen. Gerade will ich fragen, was er damit meine, da stehe ich schon im Wald und die Hütte ist verschwunden. So, als ob es sie nie gegeben hätte. Ein Schauer läuft mir den Rücken runter. Dann entdecke ich den Pfad, den mir der Kobold beschrieb. Erleichtert mache ich mich auf den Weg und gelange bald zur Hauptstraße. Nach etwa einer Stunde bin ich in der schmuddeligen
Stadt Groovy Town. Ein Witz, wenn man den Namen bedenkt. Früher mag
dieses heruntergekommene Nest bestimmt bessere Zeiten gesehen haben. Aber
jetzt? Na ja. "Mysteriöses Verschwinden eines Antiquitätenhändlers" Ich lese weiter. Du meine Güte! Hier geht es ja um Onkel Fred! Er ist Antiquitätenhändler. "Seit Montag wird der Antiquitätenhändler, Fred Taylor, vermisst. Taylor, der seit einem Jahr in Groovy Town lebt, war allseits beliebt. Die Polizei steht vor einem Rätsel..." Allseits beliebt? Kann ich mir gar nicht vorstellen,
so wie mich die Menschen hier ansehen. Als hätte ich eine ansteckende
Krankheit. In dem Artikel steht nicht mehr sehr viel. Nur, dass die Polizei
alle Mitbürger bittet, die Augen offen zu halten und alles Verdächtige
zu melden. Ob ich wohl auch unter 'alles Verdächtige' falle? Wundern
würde es mich nicht. Neben mir sitzt ein alter Mann. Ich frage ihn,
ob er meinen Onkel kenne. Dieser nickt. Ja, meinen Onkel kenne hier jeder.
Er habe schließlich die alte Villa gekauft. Der verrückte Kerl.
Ich erkundige mich nach dem Fluch. Der alte Mann berichtet über verlorene Seelen, die keinen Frieden finden und auf dem Anwesen spuken. "Die Familie, die dort wohnte, war sehr reich. Als der Hausherr starb, stritten sich die Kinder um das Erbe", sagt er. "Jedenfalls wurden die Erben sich nicht einig und brachten sich gegenseitig um. Die schlimmste Blutschlacht, die dieser Ort jemals gesehen hatte. Dies geschah im Jahr 1758. Angeblich soll dort seitdem ein Schatz vergraben sein, der bisher nicht gefunden wurde. Alle, die die Villa bezogen, verließen sie nach einiger Zeit wieder. Dann stand sie viele Jahre leer. Ihr Onkel hat sie teilweise wieder hergerichtet. Er ist bisher der Einzige, der es länger als ein Jahr dort ausgehalten hat." "Und was hat es mit dem Schatz auf sich?"
will ich wissen. "Gehen Sie jetzt bitte, Lady. Und stellen Sie keine
Fragen mehr. Die sind hier nämlich nicht erwünscht", fährt
er mich schroff an. Fragt sich, wer oder was hier nicht erwünscht
ist. Die Fragen oder Fremde? Wahrscheinlich beide. Inzwischen werden die
anderen Gäste auf uns aufmerksam. Finster sehen alle zu mir rüber.
Was bleibt mir anderes übrig, als zu verschwinden? Vor der Coffee
Bar weht mir der Wind ins Gesicht. Die Sonne brennt. Ich gehe die Straße
entlang und frage den einen oder anderen Passanten nach Onkel Fred. Aber
keiner von ihnen gibt mir Antwort. Rasch wenden sie sich von mir ab und
suchen tuschelnd das Weite. Nachdem ich bis abends noch ein paar Leute über Onkel Fred und die Villa ausgefragt habe, ohne befriedigendes Ergebnis, muss ich wohl oder übel zur Villa zurück. In der heruntergekommenen Pension gibt es angeblich kein freies Zimmer mehr. Müde gehe ich mit schleppenden Schritten zurück.
In der Abenddämmerung kommen mir die natürlichsten Geräusche
unheimlich vor. Hinter jeder Mauer, hinter jedem Busch, vermute ich finstere
Gestalten, die mir auflauern. "Was für eine Dose?" frage ich.
Mitternacht. Die Uhr schlägt zwölf. Benommen blinzele ich in das vom Mondlicht erhellte Zimmer. Die Silberdose schwebt im Raum. Klick. Der Deckel öffnet sich. Wieder erklingen die gespenstischen Worte und erscheint das grelle Licht. Diesmal habe ich keine Angst. Das Schauspiel wiederholt sich, wie in der Nacht zuvor. Aber dennoch ist etwas anders. Plötzlich brennt das Kaminfeuer und das koboldartige Männchen steht im Raum. Ein Schrei löst sich aus meiner Kehle. Das ist zu viel. Wie gelähmt bleibe ich auf dem Sofa sitzen. Mit schauriger Stimme beginnt das Wesen zu erzählen. "Vor langer Zeit nahm das Schicksal der Familie
Flint ein tragisches Ende. Nach dem Tod von William Flint stritten sich
seine fünf Kinder, Mary, John, Billy, Bob und Rose, um das Erbe.
Es ging um viel Geld und Gold, das der alte Herr besaß. Jeder missgönnte
dem anderen sein Erbteil und sie brachten sich gegenseitig um. Der letzte
Erbe, John Flint, vergrub das Gold, auf das es niemand finden möge
und beendete ebenfalls sein Leben. Er konnte es nicht verkraften, dass
seine Familie so ein unwürdiges Ende fand. Bevor er starb, verfluchte
er das Gold und seine Geschwister in alle Ewigkeit. Nur jemand, der ohne
Macht und Gier sei, solle sie erlösen können und als Dank sollte
er den Goldschatz erhalten. Diese Worte sprach er in eine silberne Schatulle,
in der die Geister der Familie Flint bis auf den heutigen Tag gefangen
gehalten werden. Einmal im Monat, zu Vollmond, ist es möglich, den
Fluch zu brechen. In der Zeit des zunehmenden Mondes erklingen die flehenden
Rufe der verfluchten Seelen und hören erst dann auf, wenn dieser
wieder abnimmt. Wird der Fluch nicht zum angegebenen Zeitpunkt gebrochen,
müssen die Geister einen weiteren Monat auf ihre Erlösung warten." Am nächsten Morgen wache ich wie gerädert auf. Letzte Nacht kommt mir wie ein Alptraum vor. Verschwommen erinnere ich mich und will das Geschehen als Halluzination abtun. Bis mein Blick auf die Asche im Kamin fällt und ich den sich kräuselnden Rauch bemerke. Jetzt brauche ich erstmal einen Cognac und etwas in den Magen. In der Küche wasche ich mir das Gesicht, um die Müdigkeit aus meinen Augen zu bekommen. Kämme mein Haar und ziehe mir eine andere Hose und ein T-Shirt an. Mit Grausen denke ich an den langen Weg in die Stadt, aber ich brauche unbedingt ein paar Lebensmittel. Im Hof finde ich neben der vergammelten Scheune ein altmodisches, schwarzes Fahrrad mit Anhänger. Ein Reifen hat keine Luft mehr. Ich begutachte diesen. Er ist noch heil, muss nur aufgepumpt werden. An so was wie Glück wage ich dennoch nicht zu denken. Nach einer halben Stunde radele ich in Richtung Groovy Town. In dem einzigen Lebensmittelladen kaufe ich Vorrat für eine Woche ein. Länger gedenke ich nicht zu bleiben. In dieser Zeit hoffe ich, das Rätsel um Onkel Fred lösen zu können. Wie die Tage zuvor, sehen mich die Leute misstrauisch an und reden mit vorgehaltener Hand über mich. Ich bezahle, stopfe meine Sachen in den Anhänger und fahre zur Villa zurück. McKinleys Coffee Bar kann mir gestohlen bleiben. Ein beklemmendes Gefühl macht sich in mir breit. Ich habe den Eindruck, verfolgt zu werden. In der Tat. Der lästige Taxifahrer vom ersten Tag ist wieder da. Die Kühlerhaube seines Taxis ist notdürftig repariert und klappert bei jeder Unebenheit. Der Name 'Der schnelle Hugo' passt so gar nicht mehr dazu. Er sollte ihn lieber in 'Die lahme Minna' umtaufen. "Hallo, schöne Frau. Wie wär's mit 'nem
Taxi?" spricht er mich an. Nachdem alle Lebensmittel verstaut sind, schenke ich mir den wohlverdienten Cognac ein und nage an einem trockenen Brötchen. Die Worte des Kobolds tauchen in meinen Gedanken auf. Was für ein Buch meint er? Kann er sich nicht deutlicher ausdrücken? Langsam schlendere ich durchs Haus und inspiziere jedes Zimmer. In den unteren Räumen gibt es nicht viel zu erforschen. Das Übliche. Ein Wohnzimmer, wohl die gute Stube, ein Nähzimmer, Empfangsraum, Plumpsklo sowie Küche und kleines Wohnzimmer, die ich schon kenne. Im ersten Stock befindet sich ein großer Raum mit Regalen, die voll gestopft mit Büchern sind. Am Fenster steht ein antiker Schreibtisch aus Kirschenholz. Dahinter ein schwerer dunkelgrüner Ledersessel. Es riecht nach altem Papier. Auf der Etage gibt es noch ein Schlaf- sowie Badezimmer ohne fließend Wasser und Toilette. Ich sehe mich in die gute alte Zeit versetzt. Dann die Treppe rauf, in den zweiten Stock. Hier sind nur die Zimmer der fünf Kinder und für das Dienstpersonal. Alles riecht muffig. Die Fensterscheiben müssten mal geputzt werden. Den Dachboden spare ich mir, da ich ihn bereits in der ersten Nacht besichtigt habe. Ich gehe zurück in die Bibliothek. Setze mich hinter dem Schreibtisch. Die Schubladen sind verschlossen. Hm. Mein Blick streift durchs Zimmer. Alle Bücher stehen akkurat und nach Themen geordnet in den Regalen. Bis auf eins. Neugierig gehe ich darauf zu. Berühre es. Knarrend schiebt sich die Regalwand zur Seite und eine Geheimtür öffnet sich. Ich bin fasziniert. Eine Wendeltreppe führt hinunter. An der Wand hängen Fackeln. Ich zünde eine an und gehe runter. Der Wind pfeift durch die Fugen der dicken Mauern. Immer tiefer geht es hinab. Dann stehe ich in einem großen Gewölbe. Links sind mehrere größere Weinfässer übereinander aufgebaut. Rechts steht ein Sekretär. Verschlossen. Ich fingere in den Ritzen herum, in der Hoffnung, ein Geheimfach zu finden. Tatsächlich! Ich werde fündig. Ein bisschen Druck auf den Knopf und schon öffnet sich ein Fach. Mehrere Schlüssel liegen darin. Große, kleine, alte und ein paar neuere. Ich nehme das Bund und will die Treppen wieder hoch steigen, als ich auf einen mit Fabelwesen verzierten Spiegel aufmerksam werde. Achtlos will ich vorbei gehen. Aber was ist das? Ich sehe kein Spiegelbild, sondern nur Nebelschwaden. Ich betrachte das Stück näher. Der Rahmen ist gold-grün und die Augen der Fabelwesen aus verschiedenen Edelsteinen. Vorsichtig streiche ich über ein Einhorn und dessen blauen Stein, der sich im Auge befindet. Im Spiegel verändert sich der Nebel. Ich sehe Männer und Frauen in altmodischen Kleidern. Wie sie ein Haus bauen, Stein auf Stein. Mit primitiven Gerätschaften. Trotz allem kommen sie schnell voran. Sie feiern das Richtfest. Legen den Garten an. Gestalten den Innenhof. Das Haus kommt mir bekannt vor. Es ist diese Villa. Das Bild verschwimmt und der Nebelschleier erscheint wieder. Was geschehen hier für merkwürdige Dinge? Seit wann kann man Bilder in Spiegeln sehen? Unmöglich. Aber was rede ich da? Ich sollte es besser wissen. Man denke nur an die Stimmen aus der Schatulle oder diesen Kobold, der aus dem Feuer auftaucht. Außerdem bin ich als Archäologin schon mehreren seltsamen Dingen begegnet. Weil ich von Natur aus neugierig bin, taste ich über einen roten Stein im Auge eines Wolfes. Die nächste Szene zeigt sich. Ich sehe einen alten schwachen Mann im Bett liegen und sterben. Um ihn herum stehen seine fünf Kinder. Drei junge Männer und zwei sehr hübsche Mädchen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Traurig scheinen sie nicht zu sein. Ein Arzt tritt ins Zimmer, untersucht den im Bett liegenden Mann und stellt seinen Tod fest. Die Zeit rast vorwärts. Zwei Tage sind seitdem vergangen. Ein Anwalt liest das Testament vor. Unter den Geschwistern entfacht ein heftiger Streit, werden handgreiflich. Der jüngste Bruder sticht eine seiner Schwester nieder. Entsetzt blicken ihn die anderen an. In dieser Nacht lauert jeder jedem auf. Sie bringen sich gegenseitig um. Schließlich bleibt der älteste Bruder übrig. Ich will mich abwenden, muss aber doch weiter hinsehen. Die Geschichte erzählt zu bekommen ist schon grausig genug, aber sie mitzuerleben, teuflisch. Der letzte Bruder also verbarrikadiert sich im Keller, der nur von einer Kerze beleuchtet ist und hält die mir vertraute Silberdose in Händen. Er spricht den Fluch über die Geschwister Flint aus. Ich sehe, wie die Geister seiner Familie in das Kästchen fahren. Anschließend zieht er einen Dolch aus seinem Stiefel und sticht sich mitten ins Herz. Wieder verblasst das Bild und Nebel bildet sich im Spiegel. Mich schüttelt es vor Grauen. Noch ist meine Neugier nicht befriedigt. Die nächste Figur muss herhalten. Diesmal ist es ein Kobold mit grünen Augen. Jahre sind vergangen. Die Villa steht leer. Ein Interessent besichtigt mit seinem Makler das Haus. Der Käufer ist begeistert und nimmt das Anwesen. Als er einzieht, findet er im Keller die Silberdose. Er nimmt sie mit und stellt sie im Wohnzimmer in ein Regal. Tagelang passiert nichts, bis die Zeit des Vollmonds anbricht und die Geister ihr Flehen verlauten lassen. Der Mann ist wohl darauf vorbereitet. Er liest den Zauberspruch vor, um die verlorenen Seelen zu befreien. Aber das Schicksal wendet sich gegen ihn. Zu gierig ist sein Herz nach Gold. Die Geister fallen über ihn her und er verschwindet in einer weißen Wolke. Als sie sich auflöst, steht dort ein Kobold. Er sieht genauso aus, wie der aus dem Wald und der mir im Kamin erschienen ist. Fürchterlich ist die Rache der Gespenster. Sie verdammen ihn als Wächter ihrer Seelen und der Silberdose. Er könne nur erlöst werden, wenn auch sie erlöst werden. Der Zettel mit dem Zauberspruch zerfällt zu Staub. Der Kobold löst sich in Rauch auf. Wie hypnotisiert starre ich den Spiegel an. Ich berühre die nächste Figur, eine Nixe mit schwarzen Augen. Die Zeit vergeht. Menschen kommen und gehen. Keiner ist in der Lage, den Bann zu brechen. Nach Jahrzehnten gibt es wieder einen Käufer. Ich sehe ihn nur von hinten. Er ist groß und stämmig. Der Makler geht mit ihm durch jedes Zimmer. Der stämmige Kerl sieht sich alles genau an, so, als ob er etwas suche. Von der Einrichtung her hat sich nichts verändert. Sämtliche Möbel der Familie Flint sind noch vorhanden. Der Makler erkundigt sich, ob er die Villa kaufen wolle. Der Mann nickt. Er dreht sich um und ich erkenne sein Gesicht. Das gibt es doch nicht! Es ist der eklige, fette Kerl aus dem Bus und vom Plakat des Taxis. Mit einem Handschlag besiegeln die beiden Männer den Kauf. Eine Woche später zieht der schmierige Typ ein. Ohne Ausnahme werden von ihm alle Räume durchsucht. Wonach hält er Ausschau? Als er nach drei Tagen immer noch nichts gefunden hat, holt er zwei Männer ins Haus. Alte Bekannte, wie ich feststelle. Der kleine mit der Baseball-Mütze und sein dummer Kumpel. Auch sie scheinen nicht fündig zu werden. Der fette Kerl ist wütend und schmeißt die beiden raus. Tobend läuft er durchs Haus. Die Tage vergehen. Nachts hört man seltsame, unheimliche Geräusche sowie Gepolter auf dem Dachboden. Der neue Besitzer ist kreidebleich. Ein Held ist er ja nicht gerade. Statt den Geräuschen auf den Grund zu gehen, verkriecht er sich unter seiner Bettdecke. Die Zeit des Vollmondes rückt näher. Jetzt bin ich mal gespannt, wie der Typ darauf reagiert. Ich erwische mich dabei, wie ich eine Wette mit mir selbst abschließe und darauf warte, dass er schreiend das Anwesen verlässt. Zuerst sieht es auch danach aus, aber dann schleicht er durch das ganze Haus und geht den Stimmen nach. Er sucht also die Silberdose. Das interessiert mich ebenfalls. Wo sie wohl sein mag? Er findet sie nicht. Je länger er sucht desto zorniger wird er. Der Kerl ist einfach nur dämlich. Statt ruhig zu bleiben und den Stimmen weiter zu folgen, tobt er wie ein Irrer. Schadenfreude überfällt. mich. Geschieht ihm ganz recht. Ich sehe, wie er es im nächsten Monat wieder versucht, schließlich kapituliert und die Villa wieder zum Verkauf frei gibt. Ein paar Monate später erscheint Onkel Fred auf der Bildfläche. Er geht ins Büro eines Taxiunternehmens. Auf der Eingangstür klebt ein Schild mit der Aufschrift "Der schnelle Hugo". Guck an. Hinter dem Schreibtisch sitzt eine schlanke Rothaarige, die sich die Fingernägel lackiert. Hat wohl nichts Besseres zu tun. Unglaublich! Onkel Fred fragt nach dem Chef. Die Rothaarige fühlt sich in ihrer wichtigen Tätigkeit gestört und zeigt meinem Onkel mürrisch den Weg in das Zimmer nebenan. Dort flegelt sich der fette Kerl in seinem Ledersessel herum, die Füße auf dem Tisch. Eine dicke Zigarre im Mund. Mit einem schmierigen Lächeln begrüßt er Onkel Fred und gemeinsam fahren sie zur Villa. Mein Onkel ist begeistert, als er das Anwesen sieht. Er ist sofort in das alte Gemäuer verliebt. Den Kaufpreis findet er angemessen. Handelt den Widerling dennoch etwas runter. Auf die Frage, warum das Haus so lange leer gestanden habe und wieso er verkaufe, antwortet der fette Kerl nicht. Egal. Der Handel ist gemacht. Die Papiere werden unterschrieben und das Geld tauscht den Besitzer. Onkel Fred ist Feuer und Flamme und nimmt ein paar Renovierungen vor. Durch Zufall findet er die Silberschatulle. Interessiert betrachtet er das schöne Stück und stellt es in eine Vitrine. Die Bilder verblassen und der Nebelschleier legt sich wieder über den Spiegel. Hey! Was soll das? Jetzt, wo es spannend wird. Ich drücke abermals auf das Auge der Nixe. Leider gibt es keine Fortsetzung. Auch bei den anderen Figuren, die ich noch nicht berührt habe, tut sich nichts. Enttäuscht gehe ich in die Bibliothek zurück. Die Regalwand schließt sich. Von dem Geheimgang ist nichts mehr zu sehen. Ich spüre das dicke Schlüsselbund in meiner Hosentasche. Die Schlüssel! Stimmt, die habe ich ganz vergessen. Zu spannend waren die Bilder im Zauberspiegel. Probieren wir mal, ob einer von ihnen zum Schreibtisch passt. Als ich am Fenster vorbei gehe, sehe ich zwei Gestalten auf dem Hof herumschleichen. Es sind die Typen aus dem Bus. Was wollen die schon wieder? Wie werde ich sie bloß los? Neben der Zimmertür steht ein Waffenschrank, den ich erst jetzt bemerke. Wunderbar. Ich nehme mir den schwarzen Revolver und etwas Munition mit runter. Jetzt bin ich meinen Vater dankbar, dass er mir damals Schießunterricht gab. Gut. Die Haustür ist verschlossen. Die Fenster in den Räumen auch. Schnell zum Hinterausgang. Auch zu. Keller? Nie gesehen. Muss es aber geben. Schließlich ist es ein Haus des 16. Jahrhunderts. Da! Eine morsche Holztreppe. Drei Stufen führen hinunter. Aber der Keller hat nur ein kleines Fenster, durch das höchstens eine Katze passt. Puh! Erleichtert gehe ich zurück. Ich spähe aus dem Fenster des Nähzimmers. Die Kerle stehen immer noch da. Diesmal neben der Scheune. Denken, ich sehe sie nicht. Sollen nur kommen. Durch ein Geräusch wache ich auf. Kann mich nicht erinnern, eingeschlafen zu sein. Den Revolver noch in der Hand haltend. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Auf dem Dachboden sind Schritte zu hören. Vorsichtig schleiche ich die Treppe hoch. Hoffentlich knarren jetzt die Stufen nicht. Ich habe Glück. Oben angekommen, halte ich nach dem Einbrecher Ausschau. Nichts. Unten schlägt die Uhr zwölf. Wieder einmal vernehme ich die flehenden Schreie der Geister. Gepolter in der Bibliothek. Schnell ergreife ich die Petroleumlampe, die ich an meinem ersten Tag vor Schreck liegen gelassen habe, und zünde sie mit zittrigen Händen an. Ich renne runter, reiße die Tür auf. Wieder nichts! Nur sämtliche Bücher liegen auf dem Boden. Es sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Müde setze ich mich hinter den Schreibtisch. Ein Schlüssel des Schlüsselbundes blinkt mir entgegen und ich nehme ihn in die Hand. Schönes Stück. Magisch zieht das Schlüsselloch der oberen Schreibtischschublade den Schlüssel an. Dieser dreht sich im Schloss und öffnet automatisch die Lade. Wow! Ein in Leder gebundenes Buch kommt mir entgegen. Langsam nehme ich es heraus und lege es auf den Tisch. Ehrfürchtig streiche ich über den Einband. Wie von Geisterhand klappt das Buch auf und Seiten werden umgeblättert. Ich erkenne die Handschrift meines Onkels. "Die Geschichte der Familie Flint" steht da als Überschrift. Interessant. So geht es also weiter. Er hat es schließlich doch noch herausgefunden. Tja, er ist eben nicht dumm, mein Onkel. Am Anfang berichtet Fred von dem Fluch und wie er die Silberdose entdeckt. Ein Verweis zu einem Zauberbuch ist vermerkt. Hier sei der Spruch zu finden, der die verlorenen Seelen erlösen soll. Und hier! Da steht was über mich. "Ich muss Miranda anrufen und sie bitten, zu mir zu kommen. Ich hoffe, die Schatzjäger sind mir noch nicht auf die Spur gekommen. Sie wollen unbedingt die Silberdose. Ich kann niemandem trauen. Alle stecken hier unter einer Decke. Der Boss der Schatzjäger tarnt sich mit dem hiesigen Taxiunternehmen. Ein fetter Kerl namens Cauliflower..." Aha! Deshalb soll ich kein Taxi nehmen. Fetter Kerl? Kommt mir bekannt vor. Ich durchforste mein Gedächtnis. Fetter Kerl? Fetter Kerl! Ja, der aus dem Bus, der mich so seltsam ansah. Ich erinnere mich. Sein Foto ist auch auf dem Heck des klapprigen Taxis des 'Schnellen Hugos' gewesen sowie im Zauberspiegel erschienen. Daher diese Aufdringlichkeit des Fahrers. "Sicher wollte er mich in eine Falle locken", überlege ich bei mir. "Aber was hat ihn davon abgehalten?" Na, wie dem auch sei. Was schreibt mein Onkel denn noch so? "...Bald ist wieder Vollmond, dann versuche ich, den Fluch zu brechen und vielleicht ist es mir vergönnt, den Schatz zu finden." So, so. Onkel Fred auf Schatzsuche. Hat wohl nicht ganz geklappt. Ich stehe auf und suche das Zauberbuch von dem die Rede im Tagebuch ist. Es steht etwas versteckt zwischen zwei großen, dicken Büchern über die Geschichte Australiens und Amerikas. Als ich es aus dem Regal nehmen will, klopft es an der Haustür. Wer will mich um diese Uhrzeit besuchen? Ich stecke den Revolver hinter meinem Rücken in die Hose, gehe leise die Treppe runter und spähe aus dem winzigen Fenster neben der Haustür. Polizei! Um sieben Uhr morgens?! Dann wollen wir mal hören, was es Neues gibt. Ich öffne die Tür. Die beiden stellen sich als Inspektor Roger und Lieutenant Wulf vor. Ob ich Miranda Jones sei? Ich nicke. Sie hätten mir eine unangenehme Nachricht zu übermitteln. Ich ahne Schreckliches. Mein Onkel sei tot im Wald aufgefunden worden. Ich solle mit aufs Revier kommen, um ihn zu identifizieren. Ich könne im Auto mitfahren. Die Ausweise sehen echt aus. Ich schließe die Tür ab und fahre mit den Polizisten nach Groovy Town. Sie führen mich auf dem Revier nach hinten und zeigen mir einen Mann. Es ist tatsächlich Onkel Fred. Der Ärmste sieht schlimm aus. Mir kommen die Tränen. Lieutenant Wulf ist sehr hilfsbereit und teilt mir mit, er könne alles für die Beerdigung arrangieren, die in ein paar Tagen stattfindet und er sei es meinem Onkel schuldig, da er ihm in einer äußerst misslichen Lage geholfen habe. Dankbar nehme ich seine Hilfe an. Inspektor Roger berichtet, dass sie bereits zwei Verdächte haben. Können ihnen aber nichts nachweisen. Er zeigt mir Fotos. Die Typen aus dem Bus sind auch dabei. Ernie Edwards und Bert Bronson. Ich erzähle den Polizisten, dass ich sie kenne und mir seit meiner Ankunft ständig begegnen. Sogar auf dem Grundstück der Villa seien sie gewesen. Lieutenant Wulf bedankt sich. Ich darf gehen. Der Morgennebel lichtet sich etwas. Gedankenverloren mache ich mich auf den Weg nach Hause. Plötzlich stehen die Gauner wieder vor mir. Unsaft packt mich Edwards am Arm und zerrt mich in die Seitenstraße. Bronson haucht mir seinen stinkenden Atem entgegen. Angewidert drehe ich den Kopf zur Seite. "So, Goldlöckchen. Unsere Geduld ist lange
genug strapaziert worden. Her mit der Silberdose!" Schnell mache ich mir eine Scheibe Brot und schlinge sie runter. Dann nichts wie in die Bibliothek. Ich schlage das Zauberbuch auf. Wie soll ich unter all den Sprüchen den richtigen finden? Lustlos blättere ich die Seiten um. Auf einmal flattert mir ein Blatt aus Pergament entgegen. Glück muss "frau" haben. Der Zauberspruch! Aufgeregt fange ich an zu lesen. Um Mitternacht, die Geister singen, Wer ist denn der Wächter der Silberdose? Von dem ist bisher nie die Rede gewesen. Ach ja, apropos Mond. Morgen ist Vollmond. Und der soll den Schatz zum Vorschein bringen? Das möchte ich sehen. Da ich ab jetzt nur noch warten kann, stöbere ich in den alten Büchern rum. Mir fällt der Zauberspiegel ein. Vielleicht sollte ich mein Glück versuchen und sehen, was der Spiegel mir noch so zeigt. Ich rücke besagtes Buch im Regal zurecht und steige den Geheimgang hinunter, nachdem die Wand geöffnet ist. Welche Figur nehme ich jetzt? Der Greif lacht mich geradezu an. Warum nicht? Ich drücke auf sein bernsteinfarbenes Auge und der Schleier lichtet sich. Cauliflower, der Chef des Taxiunternehmens erscheint. Lümmelt sich wohl gern hinter seinem Schreibtisch herum. Er liest die Tageszeitung. Muss ziemlich interessant sein, denn lange Zeit passiert nichts. Auf einmal zerreißt er die Zeitung vor Wut und schreit nach Ernie und Bert. Diese eilen herbei. Sie haben mächtig Angst vor ihrem Boss. Ernie zerknüllt vor Aufregung fast seine Mütze. "Ihr Idioten! Dieser Antiquitätenheini hat die Silberdose gefunden und das Geheimnis gelöst. Jagt sie ihm ab und bringt mir die Schatzkarte." Schatzkarte? Der glaubt tatsächlich, es befindet sich eine Schatzkarte in dem Silberkästchen. Wo lebt der Mann eigentlich? Ich kann es mir nur so erklären, dass er sich nie bemüht hat, den Leuten richtig zuzuhören. Sonst wüsste er ja, dass man erst die Geister der Familie Flint erlösen muss, um an das Gold zu kommen. Gespannt verfolge ich die Geschichte weiter. "Woher wissen Sie das, Boss?" fragt Bert.
Die Bilder verschwinden und der Spiegel zeigt wieder den gewohnten Nebel. Oh, Mann. Immer wenn es interessant wird. Zwecklos, auf die Figuren zu drücken, sie entlocken keine Bilder mehr. Da es mittlerweile spät geworden ist, gehe ich wieder nach oben und lege mich schlafen. Pünktlich um Mitternacht öffnet sich die Dose und die Geister wiederholen ihr Flehen. Ich will mich schon auf die andere Seite drehen, als sich ein funkelnder Nebelschleier bildet. Er nimmt die Gestalt von Onkel Fred an. Ich muss schon sagen, es wird nicht langweilig. "Hallo, Miranda. Schön dich zu sehen, Kind." Ich schenke mir noch ein Glas Rotwein ein, um wieder schlafen zu können. Diese Neuigkeiten haben mich mächtig aufgewühl. Die Dreckskerle! Morgen werden sie ihr blaues Wunder erleben. Gegen Mittag fahre ich mit dem Rad zur Polizei. Lieutenant
Wulf ist im Dienst. Ich frage ihn, ob seine Kollegen den Wald nach Spuren
abgesucht hätten. Dieser nickt, aber sie hätten nichts gefunden.
Ich bitte ihn, mir die Stelle zu zeigen, wo mein Onkel gefunden wurde.
Lieutenant Wulf ist nicht begeistert. Nach einigem Hin und Her lässt
er sich überzeugen. Wir fahren los. Zwanzig Minuten später stehen
wir am Tatort. Ich schaue mich nach dem umgestürzten Baum um, den
mir Onkel Fred beschrieb. Nicht leicht. Aber nicht unmöglich. Scheinheilig
frage ich den Polizisten, ob auch unter dem gewissen Stamm nachgesehen
wurde. Lieutenant Wulf schüttelt den Kopf, geht hin und entdeckt
das Messer. Sein Gesichtsausdruck ist einmalig. Verwundert kratzt er sich
an den Kopf. Vorsichtig steckt er das Beweisstück in eine Plastiktüte.
In Windeseile geht es in die Stadt zurück. Die Fingerabdrücke
sind fix genommen und mit der Verbrecherkartei verglichen. Lieutenant
Wulf ist beeindruckt. Er informiert umgehend seine Kollegen, damit diese
nach Ernie und Bert suchen können. Und wie es das Schicksal manchmal
so will, sind die Täter unvorsichtig und schnell gefasst. Eigentlich
kein Kunststück, denn in Groovy Town kennt jeder jeden. Fremde fallen
eben auf. So oder so.
Nervös fiebere ich Mitternacht entgegen. Die weiße Kerze und die Silberdose stehen bereit. Noch drei Stunden. Die Zeit kriecht dahin. Das Geticke der Uhr geht mir auf die Nerven. Ich döse ein. Rums! Was ist los? Mein rechter Arm schmerzt. Ich bin
vom Sofa gefallen. Schwerfällig rappele ich mich auf. Zehn Minuten
vor zwölf. Das nenne ich Timing. Ich stecke die Kerze in die Hosentasche,
nehme die Dose in die linke Hand und gehe in den verwilderten Innenhof.
"Darf ich helfen?" fragt eine Stimme hinter mir. Es ist das kleine Männchen, eine Spitzhacke in Händen haltend. Wie kann er mich so erschrecken? Und wo kommt er so plötzlich her? Als ich mich wieder gefasst habe, überlasse ich dem kleinen Kerl gern die Mauer. Tock. Tock. Wie der Blitz schlägt er ein Loch hinein. Ich sehe etwas glitzern. Noch ein Schlag. Geld und Gold strömen aus der Wand. Was für ein Anblick! Langsam lasse ich die Münzen durch meine Finger rieseln und male mir aus, was man dafür alles kaufen könnte. Der Kobold sieht mich an. Ich überlege kurz. Was soll ich mit dem Gold? Brauche ich es wirklich? Eigentlich nicht. Daher beschließe ich, dem Männchen den Schatz zu schenken. Dieser freut sich unbändig. Er küsst meine linke Hand und springt freudig aus dem Haus. "Ich bin erlöst! Ich bin erlöst!" höre ich ihn noch von weitem rufen. Er ist also der Wächter. Jetzt ist mir einiges klar. Deshalb die verschwundene Waldhütte und die merkwürdigen Begegnungen mit ihm. Selbst den letzten Vers des Zauberspruchs verstehe ich nun. Es ist ein schönes Gefühl, das mich überkommt. Müde, aber glücklich, gehe ich zu Bett. Ich wiege mich in der Hoffnung, dass nun Ruhe in mein Leben einkehrt, aber da sollte ich mich wohl irren. Die nächsten zwei Tage verlaufen ruhig und ich kann die Nächte durchschlafen. Die Stille tut mir gut. Während ich meine Sachen ordne, überlege ich, was mit der Villa geschehen soll. Ich will sie nicht behalten. Daher beschließe ich, nach Groovy Town zu fahren und eine Anzeige bezüglich des Verkaufs des Anwesens aufzugeben. Ich nehme meine Reisetasche und lade sie auf das Fahrrad. Als ich die Anzeigenagentur des hiesigen Zeitungsverlages betrete, sehe ich Cauliflower mit einem Mann in einer Ecke stehen und reden. Cauliflowers Gegenüber trägt einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, weißes Oberhemd und eine graue Krawatte. Sein hellblondes Haar ist streng zurückgekämmt und glänzt vor lauter Pomade. Ich beachte die beiden nicht weiter und gebe meine Anzeige auf, die am nächsten Tag in dem Käseblatt erscheinen soll. Die Dame, die mein Blatt Papier entgegen nimmt, liest sie laut vor. Plötzlich steht Cauliflower neben mir. "Was höre ich da? Sie verkaufen die Villa?" Auf einmal schwebt Onkel Fred neben mir. Seine Anwesenheit, auch wenn er nur ein Geist ist, spendet mir Trost. Bald verschwindet er aber wieder. Ich weiß, dass ich ihn auf dem Friedhof nachher wieder sehe. Nach vierzig Minuten erreiche ich mein Ziel. Der kleine Mann, oder soll ich sagen, der Wächter der Silberdose, ist ebenfalls dort.
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