Autorin: Alexandra Eishold, Melsungen



Schwerfällig und angestrengt nimmt der Bus wieder Fahrt auf. Ein schwarze Wolke verdüstert das fauchende Heck. Dieses Gehupe. Diese Schwüle, von wegen Klimaanlage. Meine Beine kleben an einem ekligen roten Kunststoffbezug des Sitzes. Neben mir ein ekliger, fetter Typ. Draussen ziemlich viel staubiges Rot, angestaubte Palmen huschen vorbei, bisher nur armselige Behausungen aus Holz, oder Beton, Kinder rennen einem Ball hinterher.
Das Spiegelbild im Fenster, cool und schön , wie alle Spiegelbilder. Die Haare hinten zum Pferdeschwanz zusammengebunden, wie immer auf Reisen, und dann diese ober coole Sonnenbrille, die ich kurz vor der Abreise erstanden habe.
Das durchsichtig schmeichelhafte Spiegelbild kann allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass ich mich nach der langen Reise kaputt fühle, erschlagen, nass und klebrig - aber irgendwie nicht richtig müde. Den Punkt der normalen Müdigkeit habe ich längst hinter mir. Bin in der Phase der abgespannten Wachheit angekommen.
Onkel Fred konnte ich vom Flughafen nicht erreichen. Mein Handy funktioniert ebenfalls nicht. Aber deswegen mache ich mir keine Sorgen. Hier funktioniert kein Handy. Völlig normal.
Er könne mich leider nicht abholen, aber es sei ganz einfach. In den Bus Nummer 28 einsteigen, direkt am Arrival Terminal, nach 7 Stationen aussteigen. Churchstreet. Auf keinen Fall ein Taxi nehmen. Und bitte keine überdimensionierten Koffer. Ich bräuchte hier nicht viel. Sieben Stationen.
Der Bus hält jetzt das vierte Mal. Niemand steigt aus. Zwei Männer in fleckigen Hemden steigen zu. Der Kleinere von beiden trägt eine schwarze Baseball-Kappe mit NewYorkCity-Logo. Sie bleiben neben dem Ausgang stehen.

Unheimliche Typen", denke ich. "Wo die wohl hinwollen? Hoffentlich steigen sie vor mir aus". Aber das Schicksal meint es nicht gut mit mir. Die Stationen huschen vorbei und ehe ich mich versehe, sind wir in der Churchstreet. Die beiden schmuddelig aussehenden Männer steigen aus. Ich etwas zögerlich hinterher. An der Haltestelle sehe ich mich kurz um, bloß nicht den Eindruck erwecken, dass ich Angst habe. Die beiden Typen sind immer noch da. Merkwürdig. Onkel Fred ist auch nicht in Sicht. Ich hoffte, er sei wenigstens an der Haltestelle, um mich dort abzuholen. Na gut. Gehe ich eben allein zu seinem Haus.

Ich wende mich nach rechts und gehe festen Schrittes die Straße entlang. Die Häuser werden immer weniger. Neben mir hält ein Taxi. Der Fahrer fragt, wohin er mich bringen könne. Misstrauisch schaue ich ihn an. Ein hässlicher zu kurz geratener Typ mit strähnigen dunklen Haaren. Eine Zigarette hängt aus seinem zu schmalen Mund. Der Wagen passt zu ihm. Überall Rostflecken und Farbe hat er auch nicht mehr viel. Nach den noch bedeckten Lackstellen zu urteilen, muss der Wagen dunkelblau gewesen sein. Viel ist jedenfalls nicht mehr davon zu sehen. Das Modell ist ebenfalls nicht mehr zu identifizieren. Das einzig Neue an dem Auto ist das Schild "Taxi", welches auf dem Dach leuchtet.

"Ich habe es nicht weit", sage ich kurz angebunden. "Das Stück gehe ich zu Fuß."
Aber der Taxifahrer lässt nicht locker. Das ist mir zu blöd. Ich gehe weiter. Der Typ fährt langsam neben mir her und quatscht mir die Ohren voll. Diese Gegend sei gefährlich. Abends allein auf der Straße. Besonders für eine hübsche Lady, wie ich es sei. Und die große Reisetasche, die sei doch viel zu schwer für mich zartes Geschöpf.
Ich, das zarte Geschöpf, hätte ihm am liebsten seine Visage poliert, aber manche Dinge erledigen sich Gott sei Dank von selbst. Da der Taxifahrer meistens den Blick auf mich gerichtet hält, anstatt auf die Straße, bemerkt er das parkende Auto nicht und fährt frontal auf. Zu spät tritt er auf die Bremse. Ich freue mich diebisch. Endlich bin ich ihn los. Auf der zerknautschten Kühlerhaube erkenne ich noch den roten Schriftzug 'Der schnelle Hugo'.
"Das war einmal", denke ich und gehe schnell weiter, froh, diesem unangenehmen Menschen entronnen zu sein.

Am Ende der Straße muss ich noch ein gutes Stück über einen Feldweg laufen, bis ich endlich eine große Villa sehe, die von alten Eichenbäumen umgeben ist.
Bald stehe ich vor einem schweren Eisentor. Ich suche die Klingel, aber es gibt keine. Klasse! Plötzlich höre ich hinter mir Geräusche. Mir bleibt der Atem stehen. Vorsichtig schaue ich mich um. Ob die Männer mir gefolgt sind? Nein, wohl doch nicht. Niemand zu sehen. Ich wende mich wieder dem Eisentor zu. Blinzle durch die Gitterstäbe, um einen Blick auf die Villa zu erhaschen. Vielleicht brennt ja Licht und jemand sieht mich hier stehen. Aber nein. Warum auch? Mutig drücke ich gegen das Tor. Quietschend öffnet es sich. Wie unheimlich. Schnell trete ich hindurch und laufe auf das Haus zu. Ich betätige den großen verrosteten Türklopfer. Ich klopfe einmal. Zweimal. Stille. Vorsichtig drücke ich die Türklinke herunter. Knarrend öffnet sich die schwere Holztür. Ein dunkler Flur empfängt mich. Tastend suche ich den Lichtschalter. Vergebens. Das fängt ja gut an.

"Onkel Fred?" rufe ich ängstlich krächzend. "Bist du da?" Keine Antwort. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und ich erkenne eine Petroleumlampe, die auf einem kleinen Tisch neben der Haustür steht. Meine Tasche stelle ich achtlos zur Seite. Ich nehme die daneben liegenden Streichhölzer und zünde die Lampe an. Erst jetzt bemerke ich, wie lang der Flur ist. Links und rechts erstrecken sich mehrere Türen. Eine Treppe führt hinauf in die oberen Etagen. Mit weichen Knien gehe ich die knarrende Treppe hoch. Immer wieder um mich blickend, ob mir wirklich niemand folgt. Warum ich gerade die Treppe nehme, statt zuerst in den unteren Räumen nachzusehen, weiß ich auch nicht. Aber irgendwie zieht sie mich magnetisch an. Es ist wie ein Zwang. Ich muss es einfach tun.

Je höher ich gehe, desto mehr begegnen mir dicke, alte Spinnweben. Zwischendurch rufe ich nach Onkel Fred. Schließlich stehe ich auf dem Dachboden, voll gestopft mit altem Gerümpel. Onkel Fred ist ja nicht gerade ordnungsliebend. Durch das große Fenster scheint der weiße Mond und taucht den Dachboden in ein unheimliches Licht. Eine Maus flitzt über meine Füße. Igitt! Als mein Blick so über die Möbel schweift, entdecke ich eine kleine silberne Schatulle mit hübschen Verzierungen. Ihr Glanz zieht mich magisch an. Langsam öffne ich sie. Unerwartet werde ich von einem hellen Lichtstrahl geblendet. Vor Schreck stoße ich die Petroleumlampe um, die zu allem Unglück auch noch erlischt. Gebannt starre ich die Silberdose an. Aus ihr strömt ein überirdisches helles Licht. Bestimmt ist es meilenweit zu sehen. In diesem Moment wird mir klar, dass es auch die zwei Männer aus dem Bus sehen könnten, oder weiß wer noch alles. Rasch klappe ich den Deckel zu und Dunkelheit hüllt mich wieder ein. Fieberhaft überlege ich, was ich jetzt tun soll. Ich beschließe, die Dose mitzunehmen und in der Villa zu übernachten. Besser, als in der Finsternis zurück in die merkwürdige Stadt zu gehen.

Also, wieder Treppe runter. Gott sei Dank habe ich immer ein Feuerzeug dabei, das mir jetzt etwas Licht spendet. Unten angekommen, entdecke ich die Küche. Mal sehen, ob es etwas Essbares gibt. Im Vorratsschrank finde ich Brot und eine Flasche Rotwein. Besser als nichts. Neben der Küche ist ein kleines Wohnzimmer. Ich mache es mir mit Brot und Wein auf dem abgenutzten Sofa bequem. Die Uhr schlägt halb zwölf. Bald ist Mitternacht. Nach ein paar Gläsern, betäubt mich der Alkohol und ich schlafe ein.

Was war das? Erschreckt fahre ich hoch. Zwölf Uhr.
"Mitternacht. Geisterstunde!" schießt es mir durch den Kopf. Ist es Einbildung oder Wirklichkeit? Jemand schleicht im Flur herum. Die Dielen knarren leise und ich höre, wie dieser Jemand näher kommt. Dann ist alles wieder still. Mit angehaltenem Atem lausche ich gebannt den Geräuschen in der alten Villa. Als ich mich fast wieder in Sicherheit wiege, passiert es. Die Silberdose öffnet sich wie von Geisterhand. Abermals erscheint das grelle Licht und erhellt den kleinen Raum. Stimmen hallen durch das Zimmer.

"Erlöse uns! Erlöse uns von dem Fluch! Deine Belohnung soll großzügig sein. Erlöse uns!" Dann klappt die Dose wieder zu. Mir zittern die Hände. Wen soll ich erlösen? Und was für eine Belohnung? Eigenartig. Die Schatulle öffnet sich noch zweimal mit denselben Worten. Dann ist es ein Uhr und die Geisterstunde vorbei. Den Rest der Nacht kann ich nicht mehr schlafen. Rastlos gehe ich auf und ab.

Im Morgengrauen entscheide ich, meine kleine Reisetasche zu nehmen und aus dem alten Gemäuer zu verschwinden. Vielleicht können mir die Leute in der Stadt sagen, was mit Onkel Fred ist. Ich muss ihn unbedingt fragen, was es mit der Dose auf sich hat.
Gesagt. Getan. Schnell packe ich meine Sachen und schließe die schwere Holztür hinter mir erleichtert zu. Doch zu früh gefreut. Sind da nicht eben Schatten zwischen den Büschen hin- und hergehuscht? Erst jetzt bemerke ich den verwilderten Garten um das Haus. Wie verwahrlost das gesamte Anwesen ist. Warum hat Onkel Fred es überhaupt gekauft? Immer neue Fragen tun sich auf. Da! Schon wieder! Knackendes Geäst. Fremde Schatten. Den Hauptweg kann ich nicht nehmen, sonst werde ich womöglich abgefangen. Also gehe ich durch den kleinen Eichenwald und nehme den Umweg zur Hauptstraße in Kauf. Oder ich bestelle mir, trotz aller Warnungen, ein Taxi. Handy raus und anrufen. Verflixt. Es funktioniert immer noch nicht. Typisch, wenn man sie braucht, versagt die Technik. Dann doch durch den Wald. Ich binde mir den Gürtel um meinen Mantel fester, ergreife meine Tasche und gehe Richtung Eichenwald. Ab und zu blicke ich mich um. Niemand zu sehen. Bald bereue ich, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Statt auf die Nebenstraße zu gelangen, geht es immer tiefer in den dunklen Wald. Mein Herz rutscht mir in die Hose. Ich bilde mir ein, dass überall glühende Augen auf mich gerichtet sind und wilde Tiere über mich herfallen könnten. Die Geräusche tragen ihr Übliches dazu bei. Mühsam kämpfe ich mich durchs Unterholz. Die Äste verfangen sich teilweise in meinem Haar. Der Mut der Verzweiflung treibt mich voran.

Keine Ahnung, wie lange ich durch den Wald laufe. Als ich kurz vorm Aufgeben bin, sehe ich eine kleine Holzhütte. Aus dem Kamin steigt Rauch. Endlich! Endlich eine menschliche Seele. Ich laufe auf die Hütte zu, klopfe und trete ein. Aber was ich dann sehe, lässt mein Blut gefrieren.
Vor dem Kaminfeuer tanzt ein kleines Männlein. Es hat grüne Knickerbocker, einen roten Pullover und eine gelbe Weste an sowie einen schwarzen auffälligen Hut auf seinem roten Schopf. Seine braunen Schuhe sind mit Silberschnallen besetzt. Er erinnert mich irgendwie an einen Kobold.

Das Männchen sieht mich durchdringend an. Mir bleiben die Worte im Hals stecken. Nach dem ersten Schreck, frage ich ihn nach dem Weg aus dem Wald. Aber statt zu antworten, erkundigt er sich nach der letzten Nacht in der Villa. Wie sie war, und ob ich etwas gefunden hätte. Ich stutze. Woher weiß er, wo ich übernachtet habe? Und wieso gefunden? Meint er die Dose? Als ich nicht antworte, fährt er fort, ich solle mich in Acht nehmen und vorsichtig sein. Besonders vor zwei Männern, die nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Überall lauere Gefahr. Und ich solle ja nicht die Silberdose verlieren. Zu gegebener Zeit würde ich mehr erfahren. Dann erklärt er mir den Weg, um wieder auf die Hauptstraße zu gelangen. Während ich aus der Hütte gehe, wünscht er mir viel Glück und dass wir uns bald wieder sehen. Gerade will ich fragen, was er damit meine, da stehe ich schon im Wald und die Hütte ist verschwunden. So, als ob es sie nie gegeben hätte. Ein Schauer läuft mir den Rücken runter. Dann entdecke ich den Pfad, den mir der Kobold beschrieb. Erleichtert mache ich mich auf den Weg und gelange bald zur Hauptstraße.

Nach etwa einer Stunde bin ich in der schmuddeligen Stadt Groovy Town. Ein Witz, wenn man den Namen bedenkt. Früher mag dieses heruntergekommene Nest bestimmt bessere Zeiten gesehen haben. Aber jetzt? Na ja.
Die Leute schauen mich taxierend an und tuscheln hinter meinem Rücken. Mein Magen knurrt. Ich gehe in McKinleys Coffee Bar, bestelle mir ein Sandwich und einen extra starken Kaffee. Die Bedienung knallt die Sachen auf den Tisch und verlangt sofort das Geld. Sie ist an Unfreundlichkeit kaum zu übertreffen. Gedankenverloren rühre ich meinen Kaffee um und beiße in das Sandwich. Es schmeckt überraschenderweise gut. Neben mir liegt eine Tageszeitung. Mein Blick fällt auf die Schlagzeile.

"Mysteriöses Verschwinden eines Antiquitätenhändlers"

Ich lese weiter. Du meine Güte! Hier geht es ja um Onkel Fred! Er ist Antiquitätenhändler.

"Seit Montag wird der Antiquitätenhändler, Fred Taylor, vermisst. Taylor, der seit einem Jahr in Groovy Town lebt, war allseits beliebt. Die Polizei steht vor einem Rätsel..."

Allseits beliebt? Kann ich mir gar nicht vorstellen, so wie mich die Menschen hier ansehen. Als hätte ich eine ansteckende Krankheit. In dem Artikel steht nicht mehr sehr viel. Nur, dass die Polizei alle Mitbürger bittet, die Augen offen zu halten und alles Verdächtige zu melden. Ob ich wohl auch unter 'alles Verdächtige' falle? Wundern würde es mich nicht. Neben mir sitzt ein alter Mann. Ich frage ihn, ob er meinen Onkel kenne. Dieser nickt. Ja, meinen Onkel kenne hier jeder. Er habe schließlich die alte Villa gekauft. Der verrückte Kerl.
Ich bitte ihn, mir mehr über das Haus zu erzählen und ich erfahre, dass die Villa seit vielen Jahren leer stehe, weil angeblich ein Fluch auf ihr laste. Niemand will sie kaufen, bis auf Onkel Fred. Alle Warnungen schlägt er in den Wind.

Ich erkundige mich nach dem Fluch. Der alte Mann berichtet über verlorene Seelen, die keinen Frieden finden und auf dem Anwesen spuken.

"Die Familie, die dort wohnte, war sehr reich. Als der Hausherr starb, stritten sich die Kinder um das Erbe", sagt er. "Jedenfalls wurden die Erben sich nicht einig und brachten sich gegenseitig um. Die schlimmste Blutschlacht, die dieser Ort jemals gesehen hatte. Dies geschah im Jahr 1758. Angeblich soll dort seitdem ein Schatz vergraben sein, der bisher nicht gefunden wurde. Alle, die die Villa bezogen, verließen sie nach einiger Zeit wieder. Dann stand sie viele Jahre leer. Ihr Onkel hat sie teilweise wieder hergerichtet. Er ist bisher der Einzige, der es länger als ein Jahr dort ausgehalten hat."

"Und was hat es mit dem Schatz auf sich?" will ich wissen.
"Ja, der Schatz", murmelt der Alte. "Man sagt, dass ihn derjenige findet, der die verlorenen Seelen der Erben erlöst."
"Und wie erlöst man die Verdammten?" Aber ich bekomme keine Antwort, da der Besitzer der Coffee Bar auf uns zukommt und den alten Mann hinausbefördert. Ich höre noch, wie er ihm sagt, er möge den Mund halten und sein Wissen über die alte Villa für sich behalten. Besonders Fremden gegenüber. Dann wendet er mir seine Aufmerksamkeit zu.

"Gehen Sie jetzt bitte, Lady. Und stellen Sie keine Fragen mehr. Die sind hier nämlich nicht erwünscht", fährt er mich schroff an. Fragt sich, wer oder was hier nicht erwünscht ist. Die Fragen oder Fremde? Wahrscheinlich beide. Inzwischen werden die anderen Gäste auf uns aufmerksam. Finster sehen alle zu mir rüber. Was bleibt mir anderes übrig, als zu verschwinden? Vor der Coffee Bar weht mir der Wind ins Gesicht. Die Sonne brennt. Ich gehe die Straße entlang und frage den einen oder anderen Passanten nach Onkel Fred. Aber keiner von ihnen gibt mir Antwort. Rasch wenden sie sich von mir ab und suchen tuschelnd das Weite.
"Was soll das?" frage ich mich. "Was ist hier vorgefallen? Warum verhalten sich die Menschen so merkwürdig?" Ich sehe mich nach dem redseligen alten Mann um. Vielleicht erzählt er mir noch mehr, wenn wir allein sind. Aber er ist wie vom Erdboden verschluckt.

Nachdem ich bis abends noch ein paar Leute über Onkel Fred und die Villa ausgefragt habe, ohne befriedigendes Ergebnis, muss ich wohl oder übel zur Villa zurück. In der heruntergekommenen Pension gibt es angeblich kein freies Zimmer mehr.

Müde gehe ich mit schleppenden Schritten zurück. In der Abenddämmerung kommen mir die natürlichsten Geräusche unheimlich vor. Hinter jeder Mauer, hinter jedem Busch, vermute ich finstere Gestalten, die mir auflauern.
"Das bildest du dir alles ein", versuche ich mich zu beruhigen. Meine Gedanken schweifen ab. Kehren zu der tragischen Geschichte, die sich in der Villa ereignet hat, und der Silberdose zurück. Verlorene Seelen, versteckter Schatz. Klingt wie im Märchen. Unerwartet stehen zwei Männer vor mir. Zuerst erkenne ich sie nicht, erst als der Schein einer Laterne auf ihre Gesichter fällt, erinnere ich mich. Es sind die beiden Kerle aus dem Bus. Der Kleine mit der Baseball-Kappe grinst mich hämisch an, während sein Kumpel mich auffordert, die Dose herauszurücken. Ich stelle mich dumm und überlege, wie ich aus dieser Situation herauskomme.

"Was für eine Dose?" frage ich.
"Na die, die aus Ihrer Tasche herausschaut", brummt der Größere und zückt ein Messer. Woher wissen die zwei eigentlich davon? Dann fällt es mir ein. Das Licht. Sie haben es letzte Nacht bestimmt gesehen und sich erkundigt. Dann wissen sie mehr als ich. Langsam greife ich in meine Handtasche, den Blick auf die Männer gerichtet. Eine Eule schreit und der große Mann ist für einen Augenblick abgelenkt. Das ist meine Chance. Schnell ziehe ich meinen stabilen Regenschirm heraus und schlage dem kleinen Gauner über den Kopf. Wie gut, dass ich ihn mitgenommen habe. Auch wenn es in dieser Gegend nicht oder nur selten regnet, kann man ja nie wissen was kommt. Und wenn man ihn, so wie eben, als Waffe einsetzt. Wie der Blitz setze ich mich in Bewegung und laufe so schnell ich kann. Der Feldweg kommt mir unendlich lang vor. Ich versuche, nicht über die Steine zu fallen. Disteln zerren an meinen Hosenbeinen, Kletten kleben an mir fest. Ich laufe immer schneller. Die Villa muss bald zu sehen sein. Hinter mir höre ich schnelle Schritte. Hektisch sehe ich mich um. Niemand da. Abrupt bleibe ich stehen und schnappe nach Luft. Ich bin mir sicher, Schritte gehört zu haben. Mit zusammengekniffenen Augen schaue ich in die Dunkelheit. Als ich mich umdrehe, steht überraschend das Männlein aus dem Wald mit dem schwarzen Hut und der bunten Kleidung vor mir. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Es bietet mir seine Hilfe an und will mich zur Villa begleiten. Aus irgendeinem Grund vertraue ich ihm und nehme dankbar an. Schweigend gehen wir nebeneinander her. Schließlich meint der Wicht zu mir, warum ich nicht auf ihn gehört und seine Warnung in Bezug auf die zwei Männer in den Wind geschlagen habe? Dann spricht er mich auf mein Gespräch mit dem alten Mann in McKinleys Coffee Bar an. Woher er davon wisse, frage ich. Das Männlein schmunzelt geheimnisvoll. Ich solle gut auf die Silberdose Acht geben. Sie sei der Schlüssel zu Onkel Freds Verschwinden. Wir stehen vor der Haustür der Villa. Ich frage mich, wie wir so schnell hierher gekommen sind. Das Männlein ist verschwunden. Warum müssen sich eigentlich alle davonschleichen, wenn ich dem Geheimnis der Villa oder dem Verschwinden von Onkel Fred näher komme? Seufzend öffne ich die Eingangstür. Der dunkle Flur begrüßt mich. Automatisch will ich den Lichtschalter betätigen, aber es gibt ja keinen. Ich krame in meiner Tasche nach dem Feuerzeug und gehe ins Wohnzimmer. Dort steht noch die Flasche Wein. Zu Essen gibt es nichts mehr. Morgen muss ich mir unbedingt etwas besorgen. Meine Klamotten schmeiße ich mit samt den Kletten und sonstigem Gestrüpp, das daran klebt, in die Ecke. Ich bin fix und fertig und lasse mich erschöpft auf das Sofa fallen. Mit knurrendem Magen schlafe ich ein.


Das Geheimnis der Familie Flint

Mitternacht. Die Uhr schlägt zwölf. Benommen blinzele ich in das vom Mondlicht erhellte Zimmer. Die Silberdose schwebt im Raum. Klick. Der Deckel öffnet sich. Wieder erklingen die gespenstischen Worte und erscheint das grelle Licht. Diesmal habe ich keine Angst. Das Schauspiel wiederholt sich, wie in der Nacht zuvor. Aber dennoch ist etwas anders. Plötzlich brennt das Kaminfeuer und das koboldartige Männchen steht im Raum. Ein Schrei löst sich aus meiner Kehle. Das ist zu viel. Wie gelähmt bleibe ich auf dem Sofa sitzen. Mit schauriger Stimme beginnt das Wesen zu erzählen.

"Vor langer Zeit nahm das Schicksal der Familie Flint ein tragisches Ende. Nach dem Tod von William Flint stritten sich seine fünf Kinder, Mary, John, Billy, Bob und Rose, um das Erbe. Es ging um viel Geld und Gold, das der alte Herr besaß. Jeder missgönnte dem anderen sein Erbteil und sie brachten sich gegenseitig um. Der letzte Erbe, John Flint, vergrub das Gold, auf das es niemand finden möge und beendete ebenfalls sein Leben. Er konnte es nicht verkraften, dass seine Familie so ein unwürdiges Ende fand. Bevor er starb, verfluchte er das Gold und seine Geschwister in alle Ewigkeit. Nur jemand, der ohne Macht und Gier sei, solle sie erlösen können und als Dank sollte er den Goldschatz erhalten. Diese Worte sprach er in eine silberne Schatulle, in der die Geister der Familie Flint bis auf den heutigen Tag gefangen gehalten werden. Einmal im Monat, zu Vollmond, ist es möglich, den Fluch zu brechen. In der Zeit des zunehmenden Mondes erklingen die flehenden Rufe der verfluchten Seelen und hören erst dann auf, wenn dieser wieder abnimmt. Wird der Fluch nicht zum angegebenen Zeitpunkt gebrochen, müssen die Geister einen weiteren Monat auf ihre Erlösung warten."
"Wie soll das gehen?" denke ich, und als ob das Männchen meine Gedanken lesen kann, sagt es: "Suche das Buch. Es ist der Schlüssel zu all deinen Fragen."
Und während es sich auflöst, hallt seine Stimme durch die Villa "Nimm dich vor den zwei Männern in Acht!"

Am nächsten Morgen wache ich wie gerädert auf. Letzte Nacht kommt mir wie ein Alptraum vor. Verschwommen erinnere ich mich und will das Geschehen als Halluzination abtun. Bis mein Blick auf die Asche im Kamin fällt und ich den sich kräuselnden Rauch bemerke. Jetzt brauche ich erstmal einen Cognac und etwas in den Magen. In der Küche wasche ich mir das Gesicht, um die Müdigkeit aus meinen Augen zu bekommen. Kämme mein Haar und ziehe mir eine andere Hose und ein T-Shirt an. Mit Grausen denke ich an den langen Weg in die Stadt, aber ich brauche unbedingt ein paar Lebensmittel. Im Hof finde ich neben der vergammelten Scheune ein altmodisches, schwarzes Fahrrad mit Anhänger. Ein Reifen hat keine Luft mehr. Ich begutachte diesen. Er ist noch heil, muss nur aufgepumpt werden. An so was wie Glück wage ich dennoch nicht zu denken. Nach einer halben Stunde radele ich in Richtung Groovy Town. In dem einzigen Lebensmittelladen kaufe ich Vorrat für eine Woche ein. Länger gedenke ich nicht zu bleiben. In dieser Zeit hoffe ich, das Rätsel um Onkel Fred lösen zu können. Wie die Tage zuvor, sehen mich die Leute misstrauisch an und reden mit vorgehaltener Hand über mich. Ich bezahle, stopfe meine Sachen in den Anhänger und fahre zur Villa zurück. McKinleys Coffee Bar kann mir gestohlen bleiben.

Ein beklemmendes Gefühl macht sich in mir breit. Ich habe den Eindruck, verfolgt zu werden. In der Tat. Der lästige Taxifahrer vom ersten Tag ist wieder da. Die Kühlerhaube seines Taxis ist notdürftig repariert und klappert bei jeder Unebenheit. Der Name 'Der schnelle Hugo' passt so gar nicht mehr dazu. Er sollte ihn lieber in 'Die lahme Minna' umtaufen.

"Hallo, schöne Frau. Wie wär's mit 'nem Taxi?" spricht er mich an.
"Sind Sie blind? Ich bin mit dem Rad unterwegs", antworte ich eisig.
"Kein Problem, Lady. Kann ich alles in den Kofferraum packen."
Das ist wohl ein Witz. Kofferraum. Für eine Handtasche ist vielleicht Platz. Ich halte an und steige vom Rad.
"Guter Mann, ich habe gestern kein Taxi gebraucht und ich brauche auch heute keines. Und morgen und übermorgen auch nicht. Und danach erst recht nicht. Also lassen Sie mich in Ruhe und verschwinden Sie", fauche ich ihn an.
"Wie Sie meinen, Miss. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben", meint er drohend und fährt scheppernd davon. Was soll das denn nun wieder bedeuten? Am Heck klebt ein Bild mit dem Gesicht eines fetten hässlichen Mannes drauf, der Werbung für ein Taxiunternehmen macht. Er kommt mir ziemlich bekannt vor. Aber mir fällt nicht ein, wo ich diesen schon mal gesehen habe. Ich steige wieder auf mein Rad und fahre nach Hause.

Nachdem alle Lebensmittel verstaut sind, schenke ich mir den wohlverdienten Cognac ein und nage an einem trockenen Brötchen. Die Worte des Kobolds tauchen in meinen Gedanken auf. Was für ein Buch meint er? Kann er sich nicht deutlicher ausdrücken? Langsam schlendere ich durchs Haus und inspiziere jedes Zimmer. In den unteren Räumen gibt es nicht viel zu erforschen. Das Übliche. Ein Wohnzimmer, wohl die gute Stube, ein Nähzimmer, Empfangsraum, Plumpsklo sowie Küche und kleines Wohnzimmer, die ich schon kenne. Im ersten Stock befindet sich ein großer Raum mit Regalen, die voll gestopft mit Büchern sind. Am Fenster steht ein antiker Schreibtisch aus Kirschenholz. Dahinter ein schwerer dunkelgrüner Ledersessel. Es riecht nach altem Papier. Auf der Etage gibt es noch ein Schlaf- sowie Badezimmer ohne fließend Wasser und Toilette. Ich sehe mich in die gute alte Zeit versetzt. Dann die Treppe rauf, in den zweiten Stock. Hier sind nur die Zimmer der fünf Kinder und für das Dienstpersonal. Alles riecht muffig. Die Fensterscheiben müssten mal geputzt werden. Den Dachboden spare ich mir, da ich ihn bereits in der ersten Nacht besichtigt habe.

Ich gehe zurück in die Bibliothek. Setze mich hinter dem Schreibtisch. Die Schubladen sind verschlossen. Hm. Mein Blick streift durchs Zimmer. Alle Bücher stehen akkurat und nach Themen geordnet in den Regalen. Bis auf eins. Neugierig gehe ich darauf zu. Berühre es. Knarrend schiebt sich die Regalwand zur Seite und eine Geheimtür öffnet sich. Ich bin fasziniert. Eine Wendeltreppe führt hinunter. An der Wand hängen Fackeln. Ich zünde eine an und gehe runter. Der Wind pfeift durch die Fugen der dicken Mauern. Immer tiefer geht es hinab. Dann stehe ich in einem großen Gewölbe. Links sind mehrere größere Weinfässer übereinander aufgebaut. Rechts steht ein Sekretär. Verschlossen. Ich fingere in den Ritzen herum, in der Hoffnung, ein Geheimfach zu finden. Tatsächlich! Ich werde fündig. Ein bisschen Druck auf den Knopf und schon öffnet sich ein Fach. Mehrere Schlüssel liegen darin. Große, kleine, alte und ein paar neuere. Ich nehme das Bund und will die Treppen wieder hoch steigen, als ich auf einen mit Fabelwesen verzierten Spiegel aufmerksam werde. Achtlos will ich vorbei gehen. Aber was ist das? Ich sehe kein Spiegelbild, sondern nur Nebelschwaden. Ich betrachte das Stück näher. Der Rahmen ist gold-grün und die Augen der Fabelwesen aus verschiedenen Edelsteinen. Vorsichtig streiche ich über ein Einhorn und dessen blauen Stein, der sich im Auge befindet. Im Spiegel verändert sich der Nebel. Ich sehe Männer und Frauen in altmodischen Kleidern. Wie sie ein Haus bauen, Stein auf Stein. Mit primitiven Gerätschaften. Trotz allem kommen sie schnell voran. Sie feiern das Richtfest. Legen den Garten an. Gestalten den Innenhof. Das Haus kommt mir bekannt vor. Es ist diese Villa. Das Bild verschwimmt und der Nebelschleier erscheint wieder.

Was geschehen hier für merkwürdige Dinge? Seit wann kann man Bilder in Spiegeln sehen? Unmöglich. Aber was rede ich da? Ich sollte es besser wissen. Man denke nur an die Stimmen aus der Schatulle oder diesen Kobold, der aus dem Feuer auftaucht. Außerdem bin ich als Archäologin schon mehreren seltsamen Dingen begegnet. Weil ich von Natur aus neugierig bin, taste ich über einen roten Stein im Auge eines Wolfes. Die nächste Szene zeigt sich. Ich sehe einen alten schwachen Mann im Bett liegen und sterben. Um ihn herum stehen seine fünf Kinder. Drei junge Männer und zwei sehr hübsche Mädchen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Traurig scheinen sie nicht zu sein. Ein Arzt tritt ins Zimmer, untersucht den im Bett liegenden Mann und stellt seinen Tod fest. Die Zeit rast vorwärts. Zwei Tage sind seitdem vergangen. Ein Anwalt liest das Testament vor. Unter den Geschwistern entfacht ein heftiger Streit, werden handgreiflich. Der jüngste Bruder sticht eine seiner Schwester nieder. Entsetzt blicken ihn die anderen an. In dieser Nacht lauert jeder jedem auf. Sie bringen sich gegenseitig um. Schließlich bleibt der älteste Bruder übrig.

Ich will mich abwenden, muss aber doch weiter hinsehen. Die Geschichte erzählt zu bekommen ist schon grausig genug, aber sie mitzuerleben, teuflisch. Der letzte Bruder also verbarrikadiert sich im Keller, der nur von einer Kerze beleuchtet ist und hält die mir vertraute Silberdose in Händen. Er spricht den Fluch über die Geschwister Flint aus. Ich sehe, wie die Geister seiner Familie in das Kästchen fahren. Anschließend zieht er einen Dolch aus seinem Stiefel und sticht sich mitten ins Herz.

Wieder verblasst das Bild und Nebel bildet sich im Spiegel. Mich schüttelt es vor Grauen. Noch ist meine Neugier nicht befriedigt. Die nächste Figur muss herhalten. Diesmal ist es ein Kobold mit grünen Augen.

Jahre sind vergangen. Die Villa steht leer. Ein Interessent besichtigt mit seinem Makler das Haus. Der Käufer ist begeistert und nimmt das Anwesen. Als er einzieht, findet er im Keller die Silberdose. Er nimmt sie mit und stellt sie im Wohnzimmer in ein Regal. Tagelang passiert nichts, bis die Zeit des Vollmonds anbricht und die Geister ihr Flehen verlauten lassen. Der Mann ist wohl darauf vorbereitet. Er liest den Zauberspruch vor, um die verlorenen Seelen zu befreien. Aber das Schicksal wendet sich gegen ihn. Zu gierig ist sein Herz nach Gold. Die Geister fallen über ihn her und er verschwindet in einer weißen Wolke. Als sie sich auflöst, steht dort ein Kobold. Er sieht genauso aus, wie der aus dem Wald und der mir im Kamin erschienen ist. Fürchterlich ist die Rache der Gespenster. Sie verdammen ihn als Wächter ihrer Seelen und der Silberdose. Er könne nur erlöst werden, wenn auch sie erlöst werden. Der Zettel mit dem Zauberspruch zerfällt zu Staub. Der Kobold löst sich in Rauch auf.

Wie hypnotisiert starre ich den Spiegel an. Ich berühre die nächste Figur, eine Nixe mit schwarzen Augen. Die Zeit vergeht. Menschen kommen und gehen. Keiner ist in der Lage, den Bann zu brechen. Nach Jahrzehnten gibt es wieder einen Käufer. Ich sehe ihn nur von hinten. Er ist groß und stämmig. Der Makler geht mit ihm durch jedes Zimmer. Der stämmige Kerl sieht sich alles genau an, so, als ob er etwas suche. Von der Einrichtung her hat sich nichts verändert. Sämtliche Möbel der Familie Flint sind noch vorhanden. Der Makler erkundigt sich, ob er die Villa kaufen wolle. Der Mann nickt. Er dreht sich um und ich erkenne sein Gesicht. Das gibt es doch nicht! Es ist der eklige, fette Kerl aus dem Bus und vom Plakat des Taxis. Mit einem Handschlag besiegeln die beiden Männer den Kauf. Eine Woche später zieht der schmierige Typ ein. Ohne Ausnahme werden von ihm alle Räume durchsucht. Wonach hält er Ausschau? Als er nach drei Tagen immer noch nichts gefunden hat, holt er zwei Männer ins Haus. Alte Bekannte, wie ich feststelle. Der kleine mit der Baseball-Mütze und sein dummer Kumpel. Auch sie scheinen nicht fündig zu werden. Der fette Kerl ist wütend und schmeißt die beiden raus. Tobend läuft er durchs Haus. Die Tage vergehen. Nachts hört man seltsame, unheimliche Geräusche sowie Gepolter auf dem Dachboden. Der neue Besitzer ist kreidebleich. Ein Held ist er ja nicht gerade. Statt den Geräuschen auf den Grund zu gehen, verkriecht er sich unter seiner Bettdecke. Die Zeit des Vollmondes rückt näher. Jetzt bin ich mal gespannt, wie der Typ darauf reagiert. Ich erwische mich dabei, wie ich eine Wette mit mir selbst abschließe und darauf warte, dass er schreiend das Anwesen verlässt. Zuerst sieht es auch danach aus, aber dann schleicht er durch das ganze Haus und geht den Stimmen nach. Er sucht also die Silberdose. Das interessiert mich ebenfalls. Wo sie wohl sein mag? Er findet sie nicht. Je länger er sucht desto zorniger wird er. Der Kerl ist einfach nur dämlich. Statt ruhig zu bleiben und den Stimmen weiter zu folgen, tobt er wie ein Irrer. Schadenfreude überfällt. mich. Geschieht ihm ganz recht. Ich sehe, wie er es im nächsten Monat wieder versucht, schließlich kapituliert und die Villa wieder zum Verkauf frei gibt.

Ein paar Monate später erscheint Onkel Fred auf der Bildfläche. Er geht ins Büro eines Taxiunternehmens. Auf der Eingangstür klebt ein Schild mit der Aufschrift "Der schnelle Hugo". Guck an. Hinter dem Schreibtisch sitzt eine schlanke Rothaarige, die sich die Fingernägel lackiert. Hat wohl nichts Besseres zu tun. Unglaublich!

Onkel Fred fragt nach dem Chef. Die Rothaarige fühlt sich in ihrer wichtigen Tätigkeit gestört und zeigt meinem Onkel mürrisch den Weg in das Zimmer nebenan. Dort flegelt sich der fette Kerl in seinem Ledersessel herum, die Füße auf dem Tisch. Eine dicke Zigarre im Mund. Mit einem schmierigen Lächeln begrüßt er Onkel Fred und gemeinsam fahren sie zur Villa.

Mein Onkel ist begeistert, als er das Anwesen sieht. Er ist sofort in das alte Gemäuer verliebt. Den Kaufpreis findet er angemessen. Handelt den Widerling dennoch etwas runter. Auf die Frage, warum das Haus so lange leer gestanden habe und wieso er verkaufe, antwortet der fette Kerl nicht. Egal. Der Handel ist gemacht. Die Papiere werden unterschrieben und das Geld tauscht den Besitzer. Onkel Fred ist Feuer und Flamme und nimmt ein paar Renovierungen vor. Durch Zufall findet er die Silberschatulle. Interessiert betrachtet er das schöne Stück und stellt es in eine Vitrine.

Die Bilder verblassen und der Nebelschleier legt sich wieder über den Spiegel. Hey! Was soll das? Jetzt, wo es spannend wird. Ich drücke abermals auf das Auge der Nixe. Leider gibt es keine Fortsetzung. Auch bei den anderen Figuren, die ich noch nicht berührt habe, tut sich nichts. Enttäuscht gehe ich in die Bibliothek zurück. Die Regalwand schließt sich. Von dem Geheimgang ist nichts mehr zu sehen. Ich spüre das dicke Schlüsselbund in meiner Hosentasche. Die Schlüssel! Stimmt, die habe ich ganz vergessen. Zu spannend waren die Bilder im Zauberspiegel. Probieren wir mal, ob einer von ihnen zum Schreibtisch passt.

Als ich am Fenster vorbei gehe, sehe ich zwei Gestalten auf dem Hof herumschleichen. Es sind die Typen aus dem Bus. Was wollen die schon wieder? Wie werde ich sie bloß los? Neben der Zimmertür steht ein Waffenschrank, den ich erst jetzt bemerke. Wunderbar. Ich nehme mir den schwarzen Revolver und etwas Munition mit runter. Jetzt bin ich meinen Vater dankbar, dass er mir damals Schießunterricht gab.

Gut. Die Haustür ist verschlossen. Die Fenster in den Räumen auch. Schnell zum Hinterausgang. Auch zu. Keller? Nie gesehen. Muss es aber geben. Schließlich ist es ein Haus des 16. Jahrhunderts. Da! Eine morsche Holztreppe. Drei Stufen führen hinunter. Aber der Keller hat nur ein kleines Fenster, durch das höchstens eine Katze passt. Puh! Erleichtert gehe ich zurück. Ich spähe aus dem Fenster des Nähzimmers. Die Kerle stehen immer noch da. Diesmal neben der Scheune. Denken, ich sehe sie nicht. Sollen nur kommen.

Durch ein Geräusch wache ich auf. Kann mich nicht erinnern, eingeschlafen zu sein. Den Revolver noch in der Hand haltend. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Auf dem Dachboden sind Schritte zu hören. Vorsichtig schleiche ich die Treppe hoch. Hoffentlich knarren jetzt die Stufen nicht. Ich habe Glück. Oben angekommen, halte ich nach dem Einbrecher Ausschau. Nichts. Unten schlägt die Uhr zwölf. Wieder einmal vernehme ich die flehenden Schreie der Geister. Gepolter in der Bibliothek. Schnell ergreife ich die Petroleumlampe, die ich an meinem ersten Tag vor Schreck liegen gelassen habe, und zünde sie mit zittrigen Händen an. Ich renne runter, reiße die Tür auf. Wieder nichts! Nur sämtliche Bücher liegen auf dem Boden. Es sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Müde setze ich mich hinter den Schreibtisch. Ein Schlüssel des Schlüsselbundes blinkt mir entgegen und ich nehme ihn in die Hand. Schönes Stück. Magisch zieht das Schlüsselloch der oberen Schreibtischschublade den Schlüssel an. Dieser dreht sich im Schloss und öffnet automatisch die Lade. Wow! Ein in Leder gebundenes Buch kommt mir entgegen. Langsam nehme ich es heraus und lege es auf den Tisch. Ehrfürchtig streiche ich über den Einband. Wie von Geisterhand klappt das Buch auf und Seiten werden umgeblättert. Ich erkenne die Handschrift meines Onkels.

"Die Geschichte der Familie Flint" steht da als Überschrift. Interessant. So geht es also weiter. Er hat es schließlich doch noch herausgefunden. Tja, er ist eben nicht dumm, mein Onkel. Am Anfang berichtet Fred von dem Fluch und wie er die Silberdose entdeckt. Ein Verweis zu einem Zauberbuch ist vermerkt. Hier sei der Spruch zu finden, der die verlorenen Seelen erlösen soll. Und hier! Da steht was über mich.

"Ich muss Miranda anrufen und sie bitten, zu mir zu kommen. Ich hoffe, die Schatzjäger sind mir noch nicht auf die Spur gekommen. Sie wollen unbedingt die Silberdose. Ich kann niemandem trauen. Alle stecken hier unter einer Decke. Der Boss der Schatzjäger tarnt sich mit dem hiesigen Taxiunternehmen. Ein fetter Kerl namens Cauliflower..."

Aha! Deshalb soll ich kein Taxi nehmen. Fetter Kerl? Kommt mir bekannt vor. Ich durchforste mein Gedächtnis. Fetter Kerl? Fetter Kerl! Ja, der aus dem Bus, der mich so seltsam ansah. Ich erinnere mich. Sein Foto ist auch auf dem Heck des klapprigen Taxis des 'Schnellen Hugos' gewesen sowie im Zauberspiegel erschienen. Daher diese Aufdringlichkeit des Fahrers. "Sicher wollte er mich in eine Falle locken", überlege ich bei mir. "Aber was hat ihn davon abgehalten?" Na, wie dem auch sei. Was schreibt mein Onkel denn noch so?

"...Bald ist wieder Vollmond, dann versuche ich, den Fluch zu brechen und vielleicht ist es mir vergönnt, den Schatz zu finden."

So, so. Onkel Fred auf Schatzsuche. Hat wohl nicht ganz geklappt. Ich stehe auf und suche das Zauberbuch von dem die Rede im Tagebuch ist. Es steht etwas versteckt zwischen zwei großen, dicken Büchern über die Geschichte Australiens und Amerikas. Als ich es aus dem Regal nehmen will, klopft es an der Haustür. Wer will mich um diese Uhrzeit besuchen? Ich stecke den Revolver hinter meinem Rücken in die Hose, gehe leise die Treppe runter und spähe aus dem winzigen Fenster neben der Haustür. Polizei! Um sieben Uhr morgens?! Dann wollen wir mal hören, was es Neues gibt. Ich öffne die Tür. Die beiden stellen sich als Inspektor Roger und Lieutenant Wulf vor. Ob ich Miranda Jones sei? Ich nicke. Sie hätten mir eine unangenehme Nachricht zu übermitteln. Ich ahne Schreckliches. Mein Onkel sei tot im Wald aufgefunden worden. Ich solle mit aufs Revier kommen, um ihn zu identifizieren. Ich könne im Auto mitfahren.

Die Ausweise sehen echt aus. Ich schließe die Tür ab und fahre mit den Polizisten nach Groovy Town. Sie führen mich auf dem Revier nach hinten und zeigen mir einen Mann. Es ist tatsächlich Onkel Fred. Der Ärmste sieht schlimm aus. Mir kommen die Tränen. Lieutenant Wulf ist sehr hilfsbereit und teilt mir mit, er könne alles für die Beerdigung arrangieren, die in ein paar Tagen stattfindet und er sei es meinem Onkel schuldig, da er ihm in einer äußerst misslichen Lage geholfen habe. Dankbar nehme ich seine Hilfe an. Inspektor Roger berichtet, dass sie bereits zwei Verdächte haben. Können ihnen aber nichts nachweisen. Er zeigt mir Fotos. Die Typen aus dem Bus sind auch dabei. Ernie Edwards und Bert Bronson. Ich erzähle den Polizisten, dass ich sie kenne und mir seit meiner Ankunft ständig begegnen. Sogar auf dem Grundstück der Villa seien sie gewesen. Lieutenant Wulf bedankt sich. Ich darf gehen. Der Morgennebel lichtet sich etwas. Gedankenverloren mache ich mich auf den Weg nach Hause. Plötzlich stehen die Gauner wieder vor mir. Unsaft packt mich Edwards am Arm und zerrt mich in die Seitenstraße. Bronson haucht mir seinen stinkenden Atem entgegen. Angewidert drehe ich den Kopf zur Seite.

"So, Goldlöckchen. Unsere Geduld ist lange genug strapaziert worden. Her mit der Silberdose!"
Was denkt der Kerl sich eigentlich? Ich bin zwar blond, aber nicht blöd. Neben mir fühle ich einen Holzknüppel. Ich spucke Bronson ins Gesicht und trete ihn kräftig gegen das Schienbein. Edwards bekommt den Knüppel zu spüren. Da helfen ihm auch seine Muckies nicht. Seine schäbige Baseball-Kappe fällt ihm vom Kopf. Jetzt nichts wie weg. Zurück zur Polizei. Auf dem Weg dort hin, falle ich über ein Skateboard und verstauche mir den rechten Arm. Das darf doch nicht wahr sein! Schnell rappele ich mich auf. Das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Keuchend erreiche ich die Polizeistation. Inspektor Roger schaut rüber und eilt herbei. Ich berichte von der Begegnung mit Ernie und Bert. Zwei Polizeibeamte stürmen sofort aus dem Gebäude, um die Übeltäter zu ergreifen. Kommen aber bald zurück. Natürlich haben sich die Gauner aus dem Staub gemacht.
Der Polizeiarzt kümmert sich um meinen Arm. Schließlich fährt mich ein anderer Polizist zur Villa und will die Nacht vorsichtshalber bei mir verbringen. Ich lehne dankend ab. Nicht auszudenken, wenn er den nächtlichen Spuk mitbekommt. Dann brauche ich mich in der Stadt bestimmt nicht mehr sehen lassen. Außerdem will ich in Ruhe den Zauberspruch studieren. Mit Müh und Not wimmele ich den Polizeibeamten ab.

Schnell mache ich mir eine Scheibe Brot und schlinge sie runter. Dann nichts wie in die Bibliothek. Ich schlage das Zauberbuch auf. Wie soll ich unter all den Sprüchen den richtigen finden? Lustlos blättere ich die Seiten um. Auf einmal flattert mir ein Blatt aus Pergament entgegen. Glück muss "frau" haben. Der Zauberspruch! Aufgeregt fange ich an zu lesen.

Um Mitternacht, die Geister singen,
soll mein Flehen ihnen Frieden bringen.
Erlöst sollen sie sein, von ihren Sünden,
die tief verschollen in den Abgründen.
Der Wächter des Hauses und der Dose aus Silber,
erlöst sei auch er, wenn er erhält ein paar Gelder.
Der Vollmond bringt es an den Tag,
wo der Schatz verborgen sein mag.

Wer ist denn der Wächter der Silberdose? Von dem ist bisher nie die Rede gewesen. Ach ja, apropos Mond. Morgen ist Vollmond. Und der soll den Schatz zum Vorschein bringen? Das möchte ich sehen. Da ich ab jetzt nur noch warten kann, stöbere ich in den alten Büchern rum. Mir fällt der Zauberspiegel ein. Vielleicht sollte ich mein Glück versuchen und sehen, was der Spiegel mir noch so zeigt. Ich rücke besagtes Buch im Regal zurecht und steige den Geheimgang hinunter, nachdem die Wand geöffnet ist. Welche Figur nehme ich jetzt? Der Greif lacht mich geradezu an. Warum nicht? Ich drücke auf sein bernsteinfarbenes Auge und der Schleier lichtet sich. Cauliflower, der Chef des Taxiunternehmens erscheint. Lümmelt sich wohl gern hinter seinem Schreibtisch herum. Er liest die Tageszeitung. Muss ziemlich interessant sein, denn lange Zeit passiert nichts. Auf einmal zerreißt er die Zeitung vor Wut und schreit nach Ernie und Bert. Diese eilen herbei. Sie haben mächtig Angst vor ihrem Boss. Ernie zerknüllt vor Aufregung fast seine Mütze.

"Ihr Idioten! Dieser Antiquitätenheini hat die Silberdose gefunden und das Geheimnis gelöst. Jagt sie ihm ab und bringt mir die Schatzkarte."

Schatzkarte? Der glaubt tatsächlich, es befindet sich eine Schatzkarte in dem Silberkästchen. Wo lebt der Mann eigentlich? Ich kann es mir nur so erklären, dass er sich nie bemüht hat, den Leuten richtig zuzuhören. Sonst wüsste er ja, dass man erst die Geister der Familie Flint erlösen muss, um an das Gold zu kommen. Gespannt verfolge ich die Geschichte weiter.

"Woher wissen Sie das, Boss?" fragt Bert.
"Aus der Zeitung, Dummkopf. Da steht drin, dass letzte Nacht ein strahlendes Licht aus der Villa Flint strömte und die Umgebung hell erleuchtete. Das heißt, der Antiquitätenfritze hat die Dose gefunden und wahrscheinlich gräbt er den Schatz bereits aus. Also kommt in die Hufe und nehmt ihm die Schatulle ab."
"J-Jawohl, B-Boss", stottert Ernie und stolpert mit seinem Kumpel aus dem Büro.
"Das wollen Schatzjäger sein? Das ich nicht lache", seufzt Cauliflower und schlägt sich mit der Hand an den Kopf.

Die Bilder verschwinden und der Spiegel zeigt wieder den gewohnten Nebel. Oh, Mann. Immer wenn es interessant wird. Zwecklos, auf die Figuren zu drücken, sie entlocken keine Bilder mehr. Da es mittlerweile spät geworden ist, gehe ich wieder nach oben und lege mich schlafen.

Pünktlich um Mitternacht öffnet sich die Dose und die Geister wiederholen ihr Flehen. Ich will mich schon auf die andere Seite drehen, als sich ein funkelnder Nebelschleier bildet. Er nimmt die Gestalt von Onkel Fred an. Ich muss schon sagen, es wird nicht langweilig.

"Hallo, Miranda. Schön dich zu sehen, Kind."
Kind! Typisch Onkel Fred.
"Wie ich sehe, hast du den Zauberspruch gefunden. Wenn du ihn aufsagst, gehe in den Innenhof. Stelle dich genau in die Mitte. Und nimm eine weiße Kerze mit, damit die Geister den Weg finden."
Schnell frage ich ihn, wie er gestorben sei. Er erzählt mir von Ernie und Bert. Wie sie ihn in die Falle locken und erstechen, als er sich weigert, ihnen die Silberdose zu geben.
"Das Messer liegt immer noch im Wald, unter einem umgestürzten Baum. Außerdem hätte ich wahrlich riesiges Glück", meint Onkel Fred.
"Wieso? frage ich.
"Der kleine Kobold, wie du ihn nennst, kann dich gut leiden. Er hat dich jedes Mal beschützt, als meine Mörder hinter dir her waren, und als der Taxifahrer dich dazu überreden wollte, dich zur Villa zu fahren. Er ist nämlich der Helfershelfer von Cauliflower, dem Schatzjäger. Oder glaubst du etwa, der Unfall des Taxifahrers war Zufall? Sicherlich nicht. Oder das Chaos in der Bibliothek? Er musste dich auf das Zauberbuch aufmerksam machen, wo ich es versteckt habe. Sogar, als du dich im Wald verlaufen hast, war von ihm geplant."
Mir verschlägt es die Sprache.
"Woher weißt du das alles?"
"Kind, ich bin ein Geist und dein Onkel. Ich wäre ein schlechter Mensch, wenn ich nicht auf dich aufpassen würde. Obwohl Mensch jetzt nicht mehr unbedingt die richtige Bezeichnung ist. So, Miranda, ich muss gehen. Leider kann ich diese Form nicht lange beibehalten."
Onkel Fred lächelt mir zu und wünscht mir Glück, während er sich langsam auflöst.

Ich schenke mir noch ein Glas Rotwein ein, um wieder schlafen zu können. Diese Neuigkeiten haben mich mächtig aufgewühl. Die Dreckskerle! Morgen werden sie ihr blaues Wunder erleben.

Gegen Mittag fahre ich mit dem Rad zur Polizei. Lieutenant Wulf ist im Dienst. Ich frage ihn, ob seine Kollegen den Wald nach Spuren abgesucht hätten. Dieser nickt, aber sie hätten nichts gefunden. Ich bitte ihn, mir die Stelle zu zeigen, wo mein Onkel gefunden wurde. Lieutenant Wulf ist nicht begeistert. Nach einigem Hin und Her lässt er sich überzeugen. Wir fahren los. Zwanzig Minuten später stehen wir am Tatort. Ich schaue mich nach dem umgestürzten Baum um, den mir Onkel Fred beschrieb. Nicht leicht. Aber nicht unmöglich. Scheinheilig frage ich den Polizisten, ob auch unter dem gewissen Stamm nachgesehen wurde. Lieutenant Wulf schüttelt den Kopf, geht hin und entdeckt das Messer. Sein Gesichtsausdruck ist einmalig. Verwundert kratzt er sich an den Kopf. Vorsichtig steckt er das Beweisstück in eine Plastiktüte. In Windeseile geht es in die Stadt zurück. Die Fingerabdrücke sind fix genommen und mit der Verbrecherkartei verglichen. Lieutenant Wulf ist beeindruckt. Er informiert umgehend seine Kollegen, damit diese nach Ernie und Bert suchen können. Und wie es das Schicksal manchmal so will, sind die Täter unvorsichtig und schnell gefasst. Eigentlich kein Kunststück, denn in Groovy Town kennt jeder jeden. Fremde fallen eben auf. So oder so.
Giftig sehen mich die Gauner an. Die schlimmsten Beschimpfungen aussprechend. Wörter, von denen ich noch nie gehört habe. Ich grinse in mich hinein und wünsche den schmierigen Kerlen einen schönen Tag und angenehmen Aufenthalt. Befriedigt radle ich zur Villa zurück. Onkel Fred ist gerächt! Tolles Gefühl.


Die Erlösung

Nervös fiebere ich Mitternacht entgegen. Die weiße Kerze und die Silberdose stehen bereit. Noch drei Stunden. Die Zeit kriecht dahin. Das Geticke der Uhr geht mir auf die Nerven. Ich döse ein.

Rums! Was ist los? Mein rechter Arm schmerzt. Ich bin vom Sofa gefallen. Schwerfällig rappele ich mich auf. Zehn Minuten vor zwölf. Das nenne ich Timing. Ich stecke die Kerze in die Hosentasche, nehme die Dose in die linke Hand und gehe in den verwilderten Innenhof.
Zwei Minuten vor zwölf. Nebelschleier bilden sich am Boden. Noch eine Minute. Ich halte den Atem an. Die Schatulle schwebt inzwischen auf Augenhöhe. Die Kerze brennt. Zwölf Uhr! Die Stimmen ertönen. Jetzt sage ich den Zauberspruch auf. Nichts passiert. Was ist falsch gelaufen? Doch dann! Fünf Geister kommen der Reihe nach aus dem Silberkästchen. Der kalte Hauch des Todes weht mir entgegen. Cool bleiben. Sie grüßen mich freundlich und verbeugen sich dankbar vor mir. Schließlich entschweben sie Richtung Himmel. Ein schaurig schöner Anblick, der mir Gänsehaut bereitet. Die Schatulle fällt auf den Boden und das Klong, Klong reißt mich aus meinen Gedanken. Den Schatz habe ich völlig vergessen, bis das Mondlicht sich im Nebel bündelt und sein Strahl auf die Kellerwand fällt. Irritiert runzele ich die Stirn. Keller? In dem ist doch gar nichts. Ich ins Haus, ab in den Keller. Wo ist die Petroleumlampe? Ach da, auf dem Vertiko. Ohne Zeit zu verlieren, zünde ich sie an. Die Lampe taucht den Keller in ein fahles Licht. Völlig leer. Mein Blick folgt dem Mondstrahl. Klopfend gehe ich die Wand entlang. Hm, hört sich irgendwie anders an. Der Mörtel löst sich, als ich darin rumstochere. Mein rechter Arm behindert mich enorm.

"Darf ich helfen?" fragt eine Stimme hinter mir. Es ist das kleine Männchen, eine Spitzhacke in Händen haltend. Wie kann er mich so erschrecken? Und wo kommt er so plötzlich her? Als ich mich wieder gefasst habe, überlasse ich dem kleinen Kerl gern die Mauer. Tock. Tock. Wie der Blitz schlägt er ein Loch hinein. Ich sehe etwas glitzern. Noch ein Schlag. Geld und Gold strömen aus der Wand. Was für ein Anblick! Langsam lasse ich die Münzen durch meine Finger rieseln und male mir aus, was man dafür alles kaufen könnte. Der Kobold sieht mich an. Ich überlege kurz. Was soll ich mit dem Gold? Brauche ich es wirklich? Eigentlich nicht. Daher beschließe ich, dem Männchen den Schatz zu schenken. Dieser freut sich unbändig. Er küsst meine linke Hand und springt freudig aus dem Haus.

"Ich bin erlöst! Ich bin erlöst!" höre ich ihn noch von weitem rufen. Er ist also der Wächter. Jetzt ist mir einiges klar. Deshalb die verschwundene Waldhütte und die merkwürdigen Begegnungen mit ihm. Selbst den letzten Vers des Zauberspruchs verstehe ich nun. Es ist ein schönes Gefühl, das mich überkommt. Müde, aber glücklich, gehe ich zu Bett. Ich wiege mich in der Hoffnung, dass nun Ruhe in mein Leben einkehrt, aber da sollte ich mich wohl irren.

Die nächsten zwei Tage verlaufen ruhig und ich kann die Nächte durchschlafen. Die Stille tut mir gut. Während ich meine Sachen ordne, überlege ich, was mit der Villa geschehen soll. Ich will sie nicht behalten. Daher beschließe ich, nach Groovy Town zu fahren und eine Anzeige bezüglich des Verkaufs des Anwesens aufzugeben. Ich nehme meine Reisetasche und lade sie auf das Fahrrad. Als ich die Anzeigenagentur des hiesigen Zeitungsverlages betrete, sehe ich Cauliflower mit einem Mann in einer Ecke stehen und reden. Cauliflowers Gegenüber trägt einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, weißes Oberhemd und eine graue Krawatte. Sein hellblondes Haar ist streng zurückgekämmt und glänzt vor lauter Pomade. Ich beachte die beiden nicht weiter und gebe meine Anzeige auf, die am nächsten Tag in dem Käseblatt erscheinen soll. Die Dame, die mein Blatt Papier entgegen nimmt, liest sie laut vor. Plötzlich steht Cauliflower neben mir.

"Was höre ich da? Sie verkaufen die Villa?"
Ich nicke.
"Sparen Sie sich die Anzeige. Ich kaufe Sie Ihnen ab."
"Ach ja? Soweit ich weiß, waren Sie doch froh, sie los zu sein."
"Das stimmt, aber jetzt will ich sie eben wieder haben."
"Wenn Sie meinen. Allerdings kostet das Haus jetzt doppelt so viel, da der Fluch von der Villa genommen ist."
Der fette Kerl ist blass geworden.
"Und den Schatz gibt es ebenfalls nicht mehr, hinter dem Sie so her waren. Ich habe ihn letzte Nacht gefunden und verschenkt", fahre ich fort.
"Sie haben was? Und woher wissen Sie...", beginnt er, bricht dann aber ab.
"Sie haben ganz richtig gehört."
"Das werden Sie noch bereuen, Miss. Bitter bereuen", faucht mich Cauliflower an und stürmt wütend aus der Agentur. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, mir gerade einen Feind gemacht zu haben. Gut, dass das Rückflugticket bereits wohlverwahrt in meiner Tasche ist. Ich bin froh, von hier wegzukommen. Schnell bezahle ich, verlasse den Laden und steige auf mein Rad, um zu der Beerdigung von Onkel Fred zu fahren, die heute stattfindet. Ab und zu sehe ich mich um, ob mir ja keiner folgt. Ich habe Glück und schiebe die Drohung des Schatzjägers erst einmal bei Seite. Meine Gedanken kehren zurück zu meinem Onkel. Ich bin traurig und vermisse ihn. Selbst das Wetter passt sich meiner Stimmung an. Der Wind weht kräftig über das Land. Mit Mühe halte ich mich auf dem Rad.

Auf einmal schwebt Onkel Fred neben mir. Seine Anwesenheit, auch wenn er nur ein Geist ist, spendet mir Trost. Bald verschwindet er aber wieder. Ich weiß, dass ich ihn auf dem Friedhof nachher wieder sehe. Nach vierzig Minuten erreiche ich mein Ziel. Der kleine Mann, oder soll ich sagen, der Wächter der Silberdose, ist ebenfalls dort.


dieses Männchen mit dem schwarzen Hut, den er immer wieder festhalten mußte. Wie lächerlich. Verstehen kann man ihn schon gar nicht, dafür weht der Wind aus der falschen Richtung und zu böig. Verwundert blicke ich mich um. Hatte Fred wirklich so viele Freunde und Bekannte. Achtlos stehen sie auf angrenzenden Gräbern, die wenigen Pflanzen zertrampelnd. Zwei Polizisten in Uniform und Spiegelbrille verharren in einiger Entfernung, regungslos. Das Männchen mit dem Hut kommt auf mich zu, gibt mir die Hand, murmelt etwas mit gesenktem Blick. Ich muss ihm die Linke entgegenstrecken. Die Schmerzen im bandagierten rechten Arm sind auch nach beinahe einer Woche sehr gegenwärtig.
Ein Klagelied erhebt sich über dem Friedhof vom böigen Wind zerfleddert, schön und traurig. Tränen steigen mir in die Augen. Warum Warum Warum. Stark bleiben, nur jetzt keinen Schwächeanfall. Die Leute schauen zu mir rüber.
Zwischen Sträuchern etwas abseits des frisch ausgehobenen Grabes sehe ich ihn. Offensichtlich beobachtet er mich schon länger. Ein Gefühl grosser Dankbarkeit durchströmt mich mit Wärme. Ich hebe leicht die linke Hand zu einem angedeuteten Gruss, den er auch prompt erwidert. Ein Lächeln umspielt seine Lippen.
Diesmal nehme ich das Taxi zum Airport. Es darf jetzt nichts mehr schief gehen. Ich muss weg! Sehr schnell weg! Erst im Flieger werde ich mich wieder sicher fühlen.